Bloß Idee der Freiheit

Unser Freund, der Markt: Eine Berliner Plauderstunde über »die Aktualität des Sozialismus«

Von Daniel Bratanovic
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Kommt die Rede auf den Sozialismus, denkt man schnell an diese drei Herren. Im Audimax der HU war das anders

Am Ende verteilten Trotzkisten Flugblätter. »Sozialismus mit Revolution«, lautete der Lockruf der Aktivisten. Was klingt wie »Roy al with cheese«, sollte Kritik sein. Und es stimmte ja auch: Die Revolution war an diesem Abend, an dem im Audimax der Berliner Humboldt-Universität über die »Aktualität des Sozialismus« geplaudert wurde, thematisch abwesend. Aber im Ernst – durfte erwartet werden, dass sie verhandelt würde? Es war unbestimmte Neugierde, die in den restlos gefüllten Hörsaal trieb, der überspannte Voluntarismus der Anhänger der IV. Internationale, der Umwälzung in Permanenz verlangt, wirkte da wie aus der Zeit gefallen. »Das Interesse am Sozialismus ist groß«, raunt der Banknachbar. »Das Interesse an den Stars ist groß«, korrigiert die Kommilitonin.

Zu einem Zeitpunkt, als die ganze offizielle Republik 25 Jahre restlose Beseitigung sozialistischer Strukturen östlich der Elbe zelebrierte, im Oktober des vergangenen Jahres nämlich, hat Axel Honneth einen, wie er sagt, metapolitischen Essay zu einem Gegenstand vorgelegt, der als old fashioned, ja als mausetot gilt. Der Frankfurter Sozialphilosoph, Vertreter der mittlerweile gänzlich vom Marxismus entschlackten Kritischen Theorie in dritter Generation, findet, die »Idee des Sozialismus« habe ihren Glanz verloren und bedürfe einer Politur. Das ist für sich genommen bemerkenswert. Der Essay, von Honneth in seinen Kernaussagen vorgestellt, bildete den Ausgangspunkt des Gesprächs. Die anderen durften sich dann dazu verhalten: Christoph Menke, ebenfalls Lehrstuhlinhaber in Frankfurt, Gesine Schwan für die Sozialdemokratie und Sahra Wagenknecht für die andere Sozialdemokratie.

Die Feststellung, das Unbehagen gegenüber den kapitalistischen Verhältnissen der Gegenwart sei gewachsen, allerdings richtungslos, ist ein ebenso zutreffender wie banaler Befund. Dem Mangel an Bestimmtheit will Honneth mit einer Rückgewinnung der Überzeugungskraft des Sozialismus beikommen. Im Mittelpunkt steht bei ihm indes etwas anderes. Die normativen Versprechen der Französischen Revolution blieben bekanntermaßen unerfüllt und der Freiheitsbegriff wurde vom Liberalismus extrem eng als reiner Privategoismus ausgelegt. Die anzustrebende Freiheit besteht für den Habermas-Schüler dagegen nicht im privaten Gegeneinander, sondern erfülle sich im sozialen, tätigen Füreinander. Das war auch die Position der frühen Sozialisten. So weit, so abstrakt.

Dass diese Idee in der Tradition des Marxismus durch ihre Einbettung in Geschichts- und Gesellschaftstheorie Schaden genommen habe, ist schon oft gehört worden, Honneth erneuert den Vorwurf: Ökonomismus bzw. gesellschaftliche Umwandlung lediglich auf der ökonomischen Ebene und Geringschätzung der individuellen Rechte und die Annahme, Geschichte entwickle sich auf der Grundlage von Gesetzen. Die Bewahrung oder Reaktualisierung des Sozialismus verlange daher einige Revisionen. Die Kritische Theorie anno 2016 empfiehlt einen »historischen Experimentalismus«. Von dem einen Endziel habe man sich zu verabschieden, eine Sicherheit darüber, wie die sozialistische Gesellschaft beschaffen sein würde, bestehe nicht. Anders als bei den Altvorderen habe man den Markt als experimentelles Feld ernstzunehmen und auszuloten, welche Chancen er für die Realisierung sozialer Freiheit biete.

Ernsthaft widersprechen mochte niemand. Menke wenigstens entlockte dem Frankfurter Kollegen eine gewisse No­stalgie für den Wohlfahrtsstaatskorporatismus der alten BRD der 50er und 60er Jahre und kritisierte, dass über eine Aktualität des Marxismus nicht diskutiert würde. Bei Schwan wiederum war erst gar nicht erkennbar, worauf sie hinauswollte. Schlagworte wie »Sozialismus als dauernde Aufgabe« und »Godesberger Programm« rauschten im Auditorium herum, ohne dass man gewusst hätte, was das soll. Ein Ausdruck des momentanen Zustands der SPD vermutlich – theoretisch wie praktisch.

Eine Absage an den gewesenen Sozialismus und ein Lob des Marktes formulierte auch Wagenknecht. Es blieb allerdings ihr vorbehalten, eine zentralen Aspekt anzusprechen, der in der Regel sträflich vernachlässigt wird. Freiheit im Kapitalismus bedeute doch in erster Linie die Freiheit des »wirtschaftlichen Eigentums«, was immer die Abhängigkeit der Nichtbesitzenden impliziere. Eigentum müsse daher in einem neu definierten »kreativen« Sozialismus anders organisiert werden. Der Markt sei dabei nicht der Gegner.

Zwei Stunden wurde über den Sozialismus freundlich und harmlos, unverbindlich und selten konkret räsoniert.

Ein Gespräch im Hause Humboldt über die abwesenden Herren Marx und Lenin war das nicht.

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Ein Gedanke zu “Bloß Idee der Freiheit

  1. …und warum lassen diese frommen „Sozialismus“-Jünger eine Person weg, die das allerwesentlichste für den Sozialismus getan hat – Stalin??? Keine Theorie ist etwas wert, wenn sie in der Praxis keine Bestätigung findet.Stalin hat nicht nur den Sozuialismus zu einem bisher unerreichten Aufschwung verholfen, sondern hat auch wesentlich dazu beigetragen, daß der Sozialismus über seinen bisher mächtigsten Feind – das waffenstarrende, hochgerüstete faschistische Deutschland – gesiegt hat.

    Wer hier noch über Trotzki und Habermas redet, und wer ein Loblied auf den Markt anstimmt – der will keinen Sozialismus, sondern die kapitalistische Anarchie der Produktion! Nur wer das kapitalistische Privateigentum aufhebt und die Macht der Arbeiterklasse (eine Diktatur des Proletariats!) zum Ziel erhebt, wird auch den verfluchten Kapitalismus abschaffen können.

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