Die russischen Murxisten

Schande

Was soll man dazu sagen: Eine Partei, die sich „kommunistisch“ nennt, verbreitet unwissenschaftliche, dem Kommunismus völlig widersprechende Ansichten. Man stelle sich vor, wie gerade junge Menschen, wenn sie auf der Suche nach einer Orientierung im Leben sind und über ihre Zukunft nachdenken, von solchen „Kommunisten“ verblödet, irgendwann die Nase voll haben von der Politik und niemandem und an nichts mehr glauben können. Und dabei ist es doch so einfach: Wer nicht aus trüben Wassern trinken will, der gehe an die Quelle! Lenin sagte: Man kann aus dieser aus einem Guß geformten Philosophie des Marxismus nicht eine einzige grundlegende These, nicht einen einzigen wesentlichen Teil wegnehmen, ohne sich von der objektiven Wahrheit zu entfernen, ohne der bürgerlich-reaktionären Lüge in die Fänge zu geraten. (W.I.Lenin, Materialismus und Empirokritizismus. LW, Bd.14, S.329.)

Keine Frage – solche Murxisten gibt es auch bei uns…

Was lehrt die russische KPRF ihre jungen Parteimitglieder?

Ruslan Amossow, Irkutsk

27.04.2016

In den letzten 20 Jahren seit ihrer Gründung hat sich die Mitgliederzahl der sogenannten „Kommunistischen Partei der Russischen Föderation“ (KPRF) um das dreifache verringert. Zuerst waren es etwa 500.000, jetzt sind es kaum mehr als 160.000 Mitglieder. Viele erkennen, daß nur der Name dieser Partei kommunistisch ist und verlassen sie. Aber die Lage im Land verschlimmert sich, und die Zahl der Enttäuschten wird immer größer. Die Bourgeoisie, die durch die sogenannte Perestrojka an die Macht kam und dem Volk goldene Berge versprochen hatte, hat das Volk betrogen. Doch allmählich erlangen die Intellektuellen, die Angestellten und die gescheiterten Unternehmer das Augenlicht wieder. Der Kampf geht um ihren Verstand. Ideell und psychologisch. Und hauptsächlich geht es auch um unseren Verstand, den Verstand der heranwachsenden Generation. Viele von uns haben die sowjetische Zeit nicht mehr erlebt, wir haben keine sowjetischen Schulen besucht, nicht an sowjetischen Hochschulen studiert. Für uns es ist schwierig, sich mit dem Geschehen zurechtzufinden… Und wem die Jugend folgt, dem gehört auch die Zukunft unseres Landes. Das verstehen alle.

Der Kampf um die Wählerschaft

Die Führung der KPRF hat ein Hauptziel – das ist der Kampf um die Wählerschaft. Schließlich will man ja in der Staatsduma in den Sesseln der Macht sitzen bleiben, und in den gesetzgebenden Versammlungen, den Stadtverwaltungen usw.… Deshalb werden auch nicht wenige Bemühungen darauf verwandt, um Jugendliche für die Reihen der Partei zu gewinnen. Diesem Hauptziel dient auch das Parteilehrjahr.

Beim Irkutsker Stadtkomitee der KPRF gibt es Schule für Parteikader. Da mich marxistische Ideen immer interessiert haben, bin ich in die Partei eingetreten und auch hingegangen, um den wissenschaftlichen Marxismus kennenzulernen. Doch zu meinem tiefsten Bedauern wurde im Parteilehrjahr kein Marxismus unterrichtet, sondern man praktizierte auf raffinierte Weise seine Revision. Ich hatte den mehr und mehr den Eindruck, daß hier eine gewöhnliche Gehirnwäsche vorgenommen wird. Und darüber kann ich nun nicht mehr schweigen. Ich habe darüber nachgedacht, daß man endlich damit beginnen muß, den Kommunismus vor solchen „Kommunisten“ zu schützen. Man möge es mir nachsehen, daß ich es nicht konsequent im Parteilehrjahr getan habe, aber ich gestehe, daß da manchmal die Emotionen mit mir durchgegangen wären.

Eine Partei für alle Werktätigen…

Von Anfang an gab man den Schulungsteilnehmern zu verstehen, daß die KPRF eine Partei aller Werktätigen ist, und nicht etwa eine Arbeiterpartei. Und in den Schriften Sjuganows geht es immer nur um „das Volk“, zu dem außer den Oligarchen alle Menschen gehören: die Intelligenz, die Angestellten, alle Lohnarbeiter, die Händler, die Unternehmer und die Kleinbourgeoisie, natürlich nur die eigene, die nationale. Für die Ideologen der KPRF ist die marxistische Theorie der Klassen schon veraltet – sie ist von gestern.

Die jungen Zuhörer haben im Parteilehrjahr erfahren, daß die KPRF keine revolutionäre Partei ist, sondern eine parlamentarische. Sie sieht keine Notwendigkeit im gewaltsamen Sturz der existierenden Ordnung, die vom Kapital diktiert wird. Sie soll nach einer größeren Beteiligung an den bürgerlichen Machtorganen streben. Und so entsteht die Illusion, daß man das bestehende kapitalistische System mittels Hineinwachsens in das sozialistische System transformieren kann.

Und was ist mit dem Privateigentum?

Und weil es in der Fraktion der KPRF viele Großbürgerliche gibt, werden oft die Gesetzentwürfe unterstützt, die gegen die Interessen der Arbeiterklasse gerichtet sind. Es reicht, wenn man dabei an den Gesetzentwurf „Über die Schädlingstätigkeit“ erinnert, der von dem „Kommunisten“ W.F. Raschkin vorbereitet wurde. Unter dem Abschnitt über die Strafbarkeit könnte man nach diesem Gesetz jeden beliebigen Streik gegen das Unternehmen als strafbar einordnen. Oder aber der Gesetzentwurf über die „Verleumdung des Staates“ mit der „strafrechtliche Verantwortlichkeit“, der vom KPRF-Mitglied W.Solowjow erarbeitet wurde.

Aus dem Programm der KPRF wurde der kommunistische Grundgedanke – die Abschaffung des Privateigentums – entfernt. Davon übriggeblieben ist lediglich ein „Dominieren“ des gesellschaftlichen Eigentums an den hauptächlichsten Produktionsmitteln. Und was unter „Dominieren“ zu verstehen ist, kann jeder für sich selbst herausfinden. Der Marxismus-Leninismus kommt im Programm der KPRF nur einmal vor in dem Satz: „Unsere Partei orientiert sich an der marxistisch-leninistischen Theorie und entwickelt sie schöpferisch weiter“.

Diese gelehrten Dozenten!

Bei der „schöpferischen Weiterentwicklung“ wollen wir uns ein wenig länger aufhalten. Den Kurs zur Vorbereitung der Parteikader leiten zwei redegewandte Aktivistinnen, S.S.Axjonowa und N.G.Bakanowa, die sich selbst für Wissenschaftlerinnen halten, weil sie wohl einmal vor vierzig Jahren ihre Doktorarbeiten in Philologie verteidigt haben. Und jetzt malträtieren sie bei jeder Äußerung buchstäblich ihre jungen Zuhörer, die bestrebt sind, zu einem tieferen Verständnis der marxistischen Wissenschaft vorzudringen.

Aus irgendeinem Grund hat man eine Frau Doktor der Philologie gebeten, uns eine Vorlesung über Redekunst zu halten. Die Dozentin sprach lange von der Überlegenheit des Russischen über die Sprachen anderer Völker. Sie verglich das Russische, in dem ein Kollektivismus angelegt sei, mit den germanischen Sprachen, in denen es so etwas nicht gäbe. Und deshalb unterscheide sich der Westen von Rußland durch einen Kult des Individualismus. Über den Kampf der englischen Chartisten gegen die Trade-Unionisten weiß die Professorin natürlich nichts. Sie weiß auch nicht, daß die Internationale Arbeitervereinigung, die „Internationale“, deren Arbeit sich auf den Kollektivismus und die Solidarität der Proletarier verschiedener Nationalitäten gründete. Nicht zufällig haben doch Karl Marx und Friedrich Engels die Losung herausgegeben: „Proletarier aller Länder vereinigt euch!“ Warum hat uns diese kluge Dame zwei Stunden lang eine Hymne über die Russen vorgetragen? Weiß sie wirklich nichts davon, daß viele Völker vereint um ihre Befreiung gekämpft haben? Es war schon seltsam, daß auch die beiden gelehrten Tanten Axjonow und Bakanow, schweigend diesem chauvinistischen Irrsinn zuhörten.

Großrussischer Chauvinismus

Für die Sjuganowisten gab es in Deutschland offenbar keinen Bauernkrieg 1524-1526, es gab nicht den vorangehenden Hussitenkrieg, die Große Französische Revolution von 1789, und nicht die Pariser Kommune 1871. Es wäre natürlich dumm, die Sjuganowisten der Unwissenheit zu verdächtigen. Sie haben ganz bewußt die proletarische Solidarität und die Einigkeit im Klassenkampf gegen die in der modernen Welt heute angeblich so notwendige „russische Art” ausgetauscht, in einer Welt, die aus Hungrigen und Satten besteht, aus Unterdrückern und Unterdrückten. Und dann sang die Doktorin der Philologie noch ein Loblied auf die russische Sprache. Das Englische nannte sie „banal und dürftig“. Klar, daß sie niemals eines der unsterblichen Werke Shakespeares in den Händen hielt, denn sonst würde sie wissen, daß es die Sprache Shakespeares ist, die sie „armselig“ und „unzulänglich“ nennt.

Widersprüchliches und Verwirrendes

Als wir damit anfingen, die theoretischen Grundlagen des Marxismus-Leninismus und seine „Entwicklung“ in der heutigen Etappe zu studieren, gab es zu meinem Erstaunen überhaupt keine Grenze. Ein junger Dozent, Gena Surdin, der vor kurzem der Kandidat der philosophischen Wissenschaften geworden war, erzählte über die drei Quellen und die drei Bestandteile des Marxismus, über die Weiterentwicklung der Lehre durch Lenin in der Epoche des Imperialismus, über die soziale Revolution und den Aufbau des Sozialismus in der UdSSR.

Ich wollte mich schon freuen, daß es in unserer Partei solche sachkundigen jungen Wissenschaftler gibt. Doch erinnerte ich mich daran, daß dieser „Kenner“ des Marxismus ein lobhudelndes Vorwort zu dem vor kurzem erschienenen chauvinistischen Büchlein des jungen Vize-Vorsitzenden der Irkutsker Organisation „Russische Art“, Pawel Petuchow, „Der Russische Gedanke und die politische Realität“ geschrieben hat. Und in diesem Buch finden sich wieder dieselben Sjuganowschen Ideen von der Notwendigkeit einer russischen Einigkeit auf der Grundlage der orthodoxen Religion, der Kampf um einen „starken Staat“ (unklar ist nur, welcher). Und dann kam noch ein Loblied auf den Feind der Sowjetunion A.Sinowjew und den Antikommunisten S.Kara-Mursa.

Sjuganow küßt dem Pfaffen die Fingerspitzen

Ich konnte mich wieder von der völlig irreführenden Janusköpfigkeit der KPRF überzeugen, wo einerseits das ABC des Marxismus gelehrt wird, andererseits aber diejenigen gelobt werden, die die Lehre vom Proletariat für absolut verzichtbar halten. Der Herr Sjuganow spielt auch manchmal den „Marxisten“, wenn er an die Arbeiterklasse erinnert, wenn sogar irgendwie das Wort „Revolution“ über seine Lippen kommt. Aber es stört ihn absolut nicht, außerordentlich aktiv an der Vervollkommnung des bürgerlichen Staates mitzuwirken und die Kapitalisten zu beraten, wie sie am besten aus der imperialistischen Krise herauskommen. Es stört ihn auch nicht, in den Rang eines geistigen Lehrers des Vertreters der faschistischen Ideologie, Iwan Iljin, erhoben zu werden. Und es stört ihn nicht, in die Kirche zu gehen, dem Pfaffen die Fingerspitzen zu küssen und unermüdlich die hervorragende Rolle der Kirche bei der moralischen Erziehung und der geistigen Wiedergeburt zu betonen – so als sei es das tägliche Brot.

Der religiöse „Kommunismus“ in der KPRF

Da muß man sich auch nicht darüber wundern, daß in unserem Parteilehrjahr zu einer der Vorlesungen der Professor für Geografie, A.F.Nikolski, gleich zu Beginn erklärte, daß man die Lehre von Marx und Lenin weiterentwickeln muß, da wir uns ja heute im 21.Jahrhundert befinden. Und in erster Linie muß man den Atheismus aus dem Marxismus entfernen. Er ist angeblich heute unannehmbar. Mit einer Leidenschaft, die der besten Anwendung würdig ist, bewies der Dozent, daß die Marxisten nicht die Religion, sondern nur die Kirche bekämpft hätten. Er schien so, als ob er nicht wüßte, daß Marx und Lenin die Religion, als illusorisches Bewußtsein, als phantastische Widerspiegelung der Wirklichkeit erklärt hatten. Offenbar hat der Doktor der Geografie auch vergessen, daß das wissenschaftliche materialistische Verständnis der Natur, der Gesellschaft und des Denkens den Zerrspiegel der religiösen Illusionen zerschlägt und einen atheistischen Blick auf die Welt hervorbringt.

Nur schnell weg von so einer Partei!

Manchmal ging bei den Vorlesungen dieses Professors die Sache bis ins Anekdotische. Aus seiner Sicht bestimmt nicht, wie Marx ständig schrieb, die Arbeit den Wert der Dinge, sondern die „Energie des Schöpfers“. Es ist wohl vergebliche Liebesmüh‘, diesem „kommunistischen“ Klerikaliker zu beweisen, daß die von der Menschheit angesammelten Reichtümer auf der Erde das Ergebnis ihres zielgerichteten Erwerbslebens sind, und nicht ein Geschenk des Himmels. Und wieder sah ich, wie unsere beiden Parteifunktionärinnen diesem religiösen Unsinn andächtig zuhörten, und wie sie aggressiv gegen jede Frage und jedes andere Urteil protestieren. Und ich dachte: Es steht schlecht um diese Partei. Der religiöse Unfug durchdringt die Partei von vorne bis hinten, und es blieb überhaupt nichts Kommunistisches, nichts Marxistisches darin übrig. So muß man schneller von ihr weglaufen, bevor sie dich in einen Dummkopf verwandelt hat.

(Mit freundlicher Genehmigung übernommen von Kommunisten-Online)

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