»Sie halten sich für die Herrscher der Welt«

Aus: Junge Welt Ausgabe vom 21.10.2016

„Am deutschen Wesen wird die Welt genesen“

Der künftige Chemiegigant Bayer-Monsanto soll die Interessen der Hochfinanz bedienen. Ein Gespräch mit Vandana Shiva

Interview: Regina Schwarz
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Vandana Shiva engagiert sich für den Schutz der Vielfalt und Integrität biologischer Ressourcen, vor allem einheimischen Saatgutes, und die Förderung des ökologischen Landbaus und fairen Handels. Sie ist Trägerin des Right Livelihood Awards.

Das Monsanto-Tribunal in Den Haag hat auf die Verbrechen des Konzerns aufmerksam gemacht. Was war Ihre Motivation, diese Veranstaltung zu organisieren?
Meine Hauptmotivation war, dass man diese Verbrechen inzwischen weltweit in der Landwirtschaft beobachten kann. In Indien kann mittlerweile jeder erkennen, wie Monsantos Baumwollsaat zu Selbstmorden bei den Bauern führt. In Argentinien sehen die Menschen, wie der Einsatz des Herbizids »Roundup« auf den gentechnisch modifizierten Sojafeldern zu Missbildungen bei Säuglingen führt. Aber Monsanto hat so eine Macht über das Wissenschaftssystem, über die Publikationen und über die Medien, dass diese Nachrichten die Weltöffentlichkeit nicht erreichen. Dieses Tribunal dient dazu, die Zensur von Monsanto zu durchbrechen, hinter der sie ihre Verbrechen verstecken.

Der deutsche Bayer-Konzern wird den Chemieriesen Monsanto kaufen. Was werden die Konsequenzen dieses Zusammenschlusses sein?

Monsanto und Bayer haben schon während des Zweiten Weltkriegs zusammengearbeitet. Heutzutage sprechen sie dann von dem Zusammenschluss, als handele es sich bloß um einen Aspirin-Produzenten, der mit einem Saatguthersteller fusioniert.
In Wirklichkeit ist ihr gemeinsames Fachgebiet die Giftproduktion zur Tötung von Menschen in Kriegen. Bayer war Teil der IG Farben, die für die Konzentrationslager der Nazis Giftgas geliefert hat. Im Namen der sogenannten Wissenschaft wurden Menschen ermordet. Derartiges ist durch nichts zu rechtfertigen.

In den vergangenen Jahrzehnten haben vor dem Hintergrund neuer Investitionsrechte, von Ansprüchen auf geistiges Eigentum und der Deregulierung von Sicherheitsstandards ein paar Konzerngiganten die kleineren Saatgutproduzenten aufgekauft.
Außerdem haben sie chemische Produkte eingeführt, die zuvor in Europa verboten waren.
Bayer hat die Europäische Union verklagt, als sie das Gift verbieten wollte, das für das Bienensterben verantwortlich ist.
Monsanto ging juristisch gegen die indische Regierung vor, weil sie die Saatgutpreise regulieren wollte.

Drei Chemiegiganten halten sich für die Herrscher der Welt. Monsanto-Bayer, Syngenta-Chem China und Dow-Dupont wollen unsere gesamte Nahrung und Medizin kontrollieren.
Sie patentieren Medikamente und Saatgut und machen damit riesige Profite. Davon werden die Menschen krank, was wiederum ein neues Geschäft mit Krebsmedikamenten für diese Konzerne schafft.

In Deutschland behaupten sogenannte Experten, dass der Hunger in der Welt nur durch die agroindustrielle Saatgutproduktion und Landwirtschaft gelöst werden kann.

Was ist Ihre Meinung dazu?

In unseren Studien haben wir herausgefunden, dass wir mit der ökologischen Landwirtschaft nicht nur zweimal Indien ernähren können, sondern zweimal die Weltbevölkerung.
Demgegenüber bilden Nahrungsmittel nur zehn Prozent der Gesamtproduktion der industriellen Landwirtschaft.
90 Prozent ihrer Produktion sind Biotreibstoffe und Tierfutter. Insgesamt stammen nur 20 Prozent der Weltnahrungsmittel aus der industriellen Landwirtschaft. 70 Prozent werden von kleinen Bauernhöfen produziert.

Der Bayer-Monsanto-Firmensitz wird in Deutschland sein. Was erwarten Sie von der deutschen Gesellschaft?

Von den Deutschen erwarte ich, dass sie Bayer endlich zur Verantwortung ziehen.
Und auf jeden Fall erwarten wir von Deutschland, dass es der Europäischen Zentralbank nicht erlaubt, die Übernahme von Monsanto zu unterstützen. Ziel dieses Buy-outs ist es, den Namen von Monsanto zu verbergen, weil der Konzern mittlerweile völlig in Verruf geraten ist.

Hinzugefügt werden muss, dass dieser Zusammenschluss letztlich den Investmentfonds dient, die die tatsächlichen Eigentümer dieser Konzerne sind.
Zu den größten Anteilseignern gehören zum Beispiel Blackrock, die Vanguard Group oder Fidelity Investments. In den letzten Jahren haben sie mit Übernahmen und Zusammenschlüssen eine Billion Dollar verdient.
Diese Fonds gehören den einem Prozent der Superreichen der Welt, die selbst niemals arbeiten gehen. Es ist an der Zeit, deren Namen öffentlich zu machen.

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