Marta Rafael / Karl-Eduard von Schnitzler

Auferstanden aus Ruinen, Über das revolutionäre Erbe der DDR, Hannover Januar 2000.

Die DDR in der deutschen Geschichte

Wir waren kürzlich aufgefordert, zwei Jubiläen zu begehen: Die Gründung der BRD und die Gründung der Deutschen Demokratischen Republik. Jubiläum kommt von „jubilieren“ – oder umgekehrt.
Worüber sollen wir jubilieren? Daß die DDR zugrunde ging? Darüber später. Die DDR ist so wenig „ehemalig“ wie das Kaiserreichoder die Weimarer Republik. Für sie gilt merkwürdigerweise kein „ehemalig“. Aber wir werden sehen. Sollten wir darüber jubeln, daß in der Adenauer-Regierung des ersten deutschen Nachkriegsstaates mehr Nazis saßen als inder ersten Hitler-Regierung vom Januar 1933? Daß die Konzerne, Monopole und Banken, die Hitler die Regierungsgewalt – nicht etwa die Macht! – in den Schoß gelegt hatten, weiterbestehen (offen oder getarnt) undneue Macht besitzen und ausüben – gleichgültig, ob die Kanzler Kohl oder Schröder heißen?
Die Deutsche und die Dresdner Bank, die Commerz- und Privatbank oder/und Krupp, Flick, Thyssen, AEG,Wintershall, Bosch, Portland, IG Farben, Norddeutscher Lloyd, Rheinmetall – sie alle und noch viele mehr undihre Nachkommen haben Hitlers Krieg betrieben und an ihm verdient, haben die Hochrüstung in Gang gesetzt(schon vor Hitler!), den Krieg geführt, andere Völker ausgeplündert, Konzentrationslager installiert und an ihnen verdient wie am Holocoust – und nun haben sie ganze 5 Milliarden Mark im Angebot, die sie auch noch von derSteuer absetzen können, den Rest zur Summe von 10 Mrd. gibt der Staat, die Allgemeinheit, dazu – zu dem, was sie „Wiedergutmachung“ nennen. Sie sind wieder der Staat im Staate.
 Über all das jubilieren??
Oder über die Staatsoberhäupter? Heuss, der im März 1933 im Reichstag dem Ermächtigungsgesetz zustimmte – alle Gewalt für den Faschismus und gegen das Volk! Oder Heinrich Lübke, der für Himmler KZs baute! Oder Carstens, einst Verbindungsmann zwischen Ribbentrops Außenministerium undGoebbels Reichspropagandaministerium! Oder Weizsäcker, der in Hamburg das Gift Agent Orange entwickeln ließ, mit dem dann die amerikanischen Übermenschen in Vietnam Wälder und Kinder, Frauen, Männer, Alte und Junge, ja auch eigene Soldaten vergiften ließen! Alles Oberhäupter des Staates, den es nun zu bejubeln galt!? Oder 2.300 Namen von Bonner Staatsfunktionären – von Globke, Adenauers Schreibtischmörder an Juden, bis zu Kiesinger, v. Eckardt, Oberländer, Grebe und Fränkel oder 1.118 Namen von hohen Justizbeamten, Staatsanwälten und Blutrichtern, bei denen heutige Nachkommen gelernt haben, was „Recht“ ist (Völkerrecht und Strafrecht).
Bis zu den 520 Diplomaten, Botschaftern und Konsuln – eins im Dienste des Hitlerschen, nun des heutigen Auswärtigen Amts (warum sollten sie auch den Namen dieser Repressionsbehörde ändern)! 300 hohe und höchste Polizeischergen der Faschisten in der Bonner Polizei und im Amt für Verfassungsschutz (nun natürlich nach Berlin, ihrem alten Standort, zurückgekehrt)! 180 Admirale und Generale die Hitlers verbrecherischen
Krieg führten, in die Bundeswehr überwechselten und dann ihren Nachwuchs ausbildeten! Allesamt mitverantwortlich für Hitler und Himmler, für Faschismus über Europa, für Kriege und Vernichtungslager. Kein Wunder, daß sie bei Antifaschismus ROT sehen und all ihren Haß aussondern.

Über die jubilieren?

Das ist ja wohl nicht das Deutschland geworden, das Bertolt Brecht sich gewünscht hat – 1947 mit seiner Kinderhymne…
Armut sparet nicht noch Mühe
Leidenschaft nicht noch Verstand
Daß ein gutes Deutschland blühe
wie ein andres gutes Land.
Daß die Völker nicht erbleichen
wie vor einer Räuberin
Sondern ihre Hände reichen
uns wie andern Völkern hin.
Und nicht über und nicht unter
andern Völkern wolln wir sein
Von der See bis zu den Alpen
von der Oder bis zum Rhein.
Und weil wir dies Land verbessern
lieben und beschirmen wir’s
Und das liebste mag’s uns scheinen
so wie andern Völkern ihrs.
Ein solches Deutschland ist nur auf einem Drittel deutschen Bodens etwas geworden – zwischen Oder und Elbe.
Und dessen Ziel und Inhalt hat Johannes R. Becher 1949 besungen, und wir erhoben es vor 50 Jahren nach der
Melodie von Hanns Eisler zur Nationalhymne.
Alte Not gilt es zu zwingen,
und wir zwingen sie vereint,
denn es muß uns doch gelingen,
daß die Sonne schön wie nie
über Deutschland scheint.
Glück und Frieden sei beschieden
Deutschland, unserm Vaterland!
Alle Welt sehnt sich nach Frieden!
Reicht den Völkern Eure Hand!
Wenn wir brüderlich uns einen
schlagen wir des Volkes Feind.
Laßt das Licht des Friedens scheinen,
daß nie eine Mutter mehr ihren Sohn beweint!
Dieses Motto – zur Staatsdoktrin erhoben – wird unsterblich sein in der deutschen Geschichte – unauslöschlich – wie jene unbesiegliche Inschrift, die Bertolt Brecht in seinen Svendborger Gedichten zu jener Parabel erhob: Zur Zeit des Weltkriegs in einer Zelle des italienischen Gefängnisses San Carlo, voll von verhafteten Soldaten, Betrunkenen und Dieben, kratzte ein sozialistischer Soldat mit Kopierstift in die Wand: HOCH LENIN! Ganz oben, in der halbdunklen Zelle, kaum sichtbar, aber mit ungeheuren Buchstabengeschrieben. Als die Wärter es sahen, schickten sie einen Maler mit einem Eimer Kalk, und mit einem langstieligen Pinsel übertünchte er die drohende Inschrift. Da er aber mit seinem Kalk nur die Schriftzüge nach fuhr, stand oben in der Zelle nun in Kalk: HOCH LENIN!
Erst ein zweiter Maler überstrich das Ganze mit breitem Pinsel, so daß es für Stunden weg war, aber gegen Morgen, als der Kalk trocknete, trat darunter die Inschrift wieder hervor: HOCH LENIN!
Da schickten die Wärter einen Maurer mit einem Messer gegen die Inschrift vor. Und er kratzte Buchstabe für Buchstabe aus, eine Stunde lang, und als er fertig war, stand oben in der Zelle, jetzt farblos, aber tief in die Mauer geritzt, die unbesiegliche Inschrift: HOCH LENIN!
Jetzt entfernt die Mauer! sagte der Soldat. Mit der „Entfernung“ der Mauer ist es nicht getan – weder im italienischen San Carlo, noch in Berlin. Nicht nur der Name LENIN ist nicht aus der Geschichte zu entfernen, noch der Name des ersten deutschen Friedensstaates
„DEUTSCHE DEMOKRATISCHE REPUBLIK“. Wir wollten immer ein einheitliches antifaschistisches demokratisches Deutschland – wie Bertolt Brecht es beschrieben hat: Vor dem „die Völker nicht erbleichen“ und „nicht über und nicht unter anderen Völkern“, weil wir es „verbessern“ wollten. Das ist uns nicht gelungen. Heute steht das alte GROSSDEUTSCHLAND wieder, dem immer wieder der Schreckensschrei in Europa vorausging: die Deutschen kommen! Und es reicht wieder von Polen bis an die Grenzen Dänemarks, Hollands, Belgiens, Frankreichs, Österreichs und der Schweiz. Und da sind weder „Anmut“ noch „Verstand“ am Werk. Ist es nicht so: Erst mußte die Mauer weg – dann, zweitens – die Deutsche Demokratische Republik, damit – drittens – wieder eine deutsche Regierung Soldaten ins Ausland schicken und – zunächst in Jugoslawien – Krieg führen konnte?
Alles unter tatkräftiger Hilfe deutscher Außenminister wie Genscher und Fischer, deutscher Innen- und Kriegsminister wie Kinkel und Scharping?

Denn wir hatten – mit sowjetischer Hilfe – einen Staat geschaffen, der das Potsdamer Abkommen verwirklichte und aus den Ruinen des Hitlerreiches und der Banken und Monopole und deren Krieg einen Staat, der allen Völkern die Hand reichte und dafür angetreten war, daß nie mehr eine Mutter ihren Sohn beweint!


Den ersten Staat auf deutschem Boden, der FRIEDEN zum Regierungsprogramm erhoben hat! Solange er existierte, durfte keine deutsche Regierung es wagen, das Wort KRIEG auch nur in den Mund zu nehmen – oder gar im Fernsehen!

So lange es die Deutsche Demokratische Republik gab, gab es keinen Krieg von deutschem Boden aus! Das alles weist dieser Deutschen Demokratischen Republik einen hervorragenden, nicht auszulöschenden Platz in der deutschen Geschichte zu!
„Die Deutsche Demokratische Republik war das Beste, was in der Geschichte den Deutschen, den Völkern Europas und der Welt aus Deutschland widerfahren ist!“ Mit diesem Satz begann ich 1993 mein Buch „Provokation“. Und man ließ sich provozieren! Von A bis Z, von ARD über BILD; SPIEGEL und STERN bis ZDF heulten sie auf, weil ich in Erinnerung zu rufen gewagt hatte, daß der erste Staatspräsident dieses verruchten
Staates, Wilhelm Pieck, den Satz geprägt hatte, den Walter Ulbricht aufgriff und Erich Honecker zur innen- und außenpolitischen Maxime erhoben hatte:
VON DEUTSCHEM BODEN DARF NIE WIEDER KRIEG AUSGEHEN!
Eine „Aufarbeitung der Geschichte“ – wenn es denn offiziell so etwas gäbe – bräuchte die DDR nicht zu scheuen.
Aber sie war nur ein deutscher Teilstaat.
Was Europa, Afrika und Vorderasien im Ablauf der Geschichte immer wieder zu fürchten hatten, ihnen Zerstörung, Leichenfelder und Unterdrückung gebracht hatte – es war in der Neuzeit stets von einem einheitlichen Deutschland ausgegangen, von einem REICH: Dem Kaiserreich und dem Großdeutschen Reich.
Deshalb könnte eine „Aufarbeitung der Geschichte“ nicht auf die Deutsche Demokratische Republik beschränkt bleiben und nicht auf die Zeit von 1949 bis 1989 (und schon gar nicht auf „Mauer“ und „Stasi“): Sie muß im Spiegelsaal von Versailles beginnen und bei Bismarck.
Ein „Erstes Reich“, das Hitler wieder heraufbeschwören wollte, hatte tausend Jahre gewährt. Es war in Wahrheit ein Flickenteppich gewesen. Duodezfürsten, Herzöge und vorgeblich blaublütige Landadelige: Jeder hatte sein Ländle, seine Residenz, seine Hofräte und Minister, seine Bankiers und Soldaten, die er den Kaisern und Königen
verkaufte – gegen Geld, als Söldner für deren Raubzüge. Sie alle machten das „Reich“ arm, lebten von Leibeigenschaft und Fron und wollten mit Grenzen und Zöllen die deutsche Kleinstaaterei verewigen.
Die Bildung des deutschen Nationalstaates, des „Zweiten Reiches“, war historisch längst herangereift. Und die Schaffung nationaler Einheit sei dem „eisernen Kanzler aus dem Sachsenwald“ als Verdienst unbenommen.
Unfreiwillig diente Bismarck dem gesellschaftlichen Fortschritt. Aber er schuf die deutsche Einheit mit Blut und Eisen. Um Preußens Vorherrschaft in Deutschland zu sichern, boxte er zunächst Österreich aus dem deutschen Nationalverband hinaus (heute sind es – vorerst – nur unverbesserliche Neonazis, die von Wien, München und anderen Städten aus öffentlich die „Vollendung der deutschen Einheit“ durch Beitritt Österreichs zur Bundesrepublik fordern – Haider und Stoiber marschieren im Geiste mit). Dann mußte Fürst Bismarck noch
Bayerns König bestechen, damit dieser dem Hohenzollern-Kaiser Wilhelm I. zustimmte. Dänemark und Frankreich mußten besiegt werden. Und mit seinen „Sozialistengesetzen“ bescherte Bismarck Zehntausenden von Sozialdemokraten gesellschaftlichen Verruf („Landesverräter“), Berufsverbote, sozialen Abstieg, Polizeiverfolgung, Justizwillkür und Haft. Mit besonderem Haß wurden Arbeiterführer wie August Bebel und Wilhelm Liebknecht verfolgt.
Die Herren der Ruhr entfesselten mit ihren Ludendorffs, Hindenburgs und Hohenzollerns ihren ersten Anlauf zur Teilhabe an der Weltherrschaft. Denn sie waren zu spät gekommen, andere hatten längst ihren Nationalstaat, die Welt war aufgeteilt. Woher also nehmen, wenn nicht stehlen? Stehlen aber bedeutete Krieg. Die sozialdemokratischen Führer stimmten den Kriegskrediten zu (damals hießen sie noch nicht Schröder, Scharping oder Verheugen, sondern Ebert, Scheidemann und Noske). Einzig Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg stimmten dagegen. Sie wurden ins Gefängnis geworfen. Und als die Deutsche Revolution den Krieg beendet und Ludendorff und den Kaiser ins Exil getrieben hatte, wurden Karl und Rosa von führenden Sozialdemokraten dem reaktionären Freicorps zur Abschlachtung freigegeben. Wer hat da wohl Geschichte aufzuarbeiten?
Die Weimarer Republik – fernab von Berlin und dem Ruhrgebiet, weit weg von störenden Arbeitern – in Weimar gegründet (analog zur „alten“ BRD im Universitätsstädtchen Bonn) – die Weimarer Republik diente von 1919 bis 1933 der ideologischen, ökonomischen und militärischen Restauration des gerade geschlagenen deutschen Militarismus und war im Grund nichts anderes als der Übergang vom Kaiserreich zu Hitlers Großdeutschland,
dem „Dritten Reich“. Sie war arbeiterfeindlich im allgemeinen, kommunistenfeindlich im besonderen. Die Arbeiterklasse, ihre Parteien und linke Intellektuelle verschenkten ihre wachsende Stärke, indem sie sich gegenseitig zerfleischten – nicht ohne Einfluß der Totalitarismus-Doktrin, Fehlentscheidungen und Fehlentwicklungen auf allen Seiten: Sozialdemokraten gleich „Sozialfaschisten“, Kommunisten gleich „rotlackierte
Nazis“ (schon damals gab es diese Schumacher-Formulierung), „rot gleich braun“ etc.
Bis heute gibt es auf der Welt keinen wissenschaftlich, staatlich und ökonomisch entwickelten Sozialismus, aber wir haben die richtige Richtung eingeschlagen und die Grundlagen des Sozialismus gelegt. Wissenschaft ohne Meinungsstreit, ohne Experimente, Niederlagen und Fortschritte gibt es nicht.
Marx und Engels waren Marxisten, weil sie ihr Wissen und die Ergebnisse ihrer Forschungen zeitlebens zu bessern und politisch umzusetzen suchten und in diesem Prozeß Neues fanden. Bei uns in der DDR wurde gestritten: Im Betrieb (wo heute keinermehr den Mund aufzureißen wagt), in der Schule (wo die Lehrer oft einen schweren Stand hatten), in der Redaktion (wo es oft lange dauerte, bis dieser oder jener Kommentar zustande kam – jedenfalls bis Achim Herrmann Sekretär wurde), in den Ausschüssen der Volkskammer (bis man sich geeinigt, oft zusammengerauft hatte und dann das Erreichte gemeinsam im Plenum vertrat – da war kein Bundestags-Showkampf), am Stammtisch wurde gestritten und gemeckert (wo war da die „ständige Stasi-Überwachung“?
Ich erinnere an den Ost-Witz: Die DDR hatte 32 Millionen Einwohner, 16 Millionen Täter und 16 Millionen Opfer…), kämpferisch gestritten wurde im Politbüro wenigstens zu Ulbrichts Zeiten, unter Honecker wurde dann allerdings meist abgenickt, gestritten wurde bei BFC Dynamo (wo nicht Erich Mielke das letzte Wort zum Sonnabend hatte, sondern der Trainer).
Wir hatten in den Betrieben gewählte Konfliktkommissionen, die viele Delikte, die vor ein Gericht gehört hätten, innerbetrieblich lösten. Das „Gesetzbuch der Arbeit“ (heute für die Werktätigen wie ein Märchenbuch zu lesen) wurde vom 9. FDGB-Kongreß beraten und beschlossen, ehe der Entwurf der Volkskammer zur Beschlußfassung zugeleitet wurde, es gab natürlich die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, „immer saß“, so der  GB-Vorsitzende
Otto Brenner, „bei Tarifverhandlungen der westlichen Tarif„partner“ als unsichtbarer Dritter die Deutsche Demokratische Republik mit am Tisch, es gab den gewählten, sehr gewichtigen Elternbeirat. Es gab – nun haben wir längst nicht alles, aber genug gehört zum „Demokratie-Defizit der DDR“ – es gab die Diktatur des Proletariats:
Sie bedeutete die höchstentwickelte Demokratie für die Werktätigen und – schlag‘ nach bei Marx – ein„unumgängliches Stadium beim Übergang von der kapitalistischen ‚Demokratie‘ zur sozialistischen Gesellschaft.“
In der DDR ging es – wenn wir an die COMECON-Liste denken, die NATO-Staaten vorschrieb, was alles nicht in die DDR geliefert werden durfte, wenn wir an den Kalten Krieg denken und die nachlassenden und verteuerten Öllieferungen aus der Sowjetunion – in der DDR ging es bescheiden, aber gerecht zu. Eine klaffende Schere zwischen Arm und Reich gab es nicht. Es gab auch keine unberechtigten Privilegien.
Was hat der Medienimperialismus aus diesem sozialen Rechtsstaat gemacht, der der formalen bürgerlichen ‚Demokratie‘ eine zeitgeschichtliche Epoche voraus war: Den UNRECHTS-STAAT!
Diese vierzigjährige permanente Verleumdung spukt sogar in den Köpfen einiger „Genossen“  bei uns herum, und sie glauben, sich beim Klassenfeind „entschuldigen“ zu müssen. Aber auch in die Reihen westdeutscher Genossen ist sie eingedrungen.
Ich habe es selbst in Betriebsratsversammlungen in Hamburg, bei Diskussionen an Universitäten wie Münster, Trier und Göttingen und, bis zu meiner Erkrankung, in Dutzenden Versammlungen der PDS, der DKP und von linken Buchhandlungen organisiert, erlebt, wie Genossen – Opfer ihrer Medien und aus Unkenntnis – die DDR und die SED beschuldigten, sie „verraten“ zu haben, den „Zusammenbruch des Sozialismus verschuldet“ zu haben; und nun wolle man nichts mehr wissen von den „geschulten Genossen aus Berlin und Leipzig, Rostock und Karl-Marx-Stadt“.
Natürlich haben Arbeiter, haben Werktätige im Westen andere Erfahrungen im Klassenkampf als wir. Im Westen haben sie den Klassenkampf empfindlich am eigenen Leibe zu spüren bekommen: Im Betrieb, mit der Polizei, dem Verfassungsschutz, der Bonner Gesetzgebung, der Justiz, der Desinformation durch die Medien (da können
wir allerdings ein Lied mitsingen, und ich konnte mit meinem „Kanal“ nur sehr begrenzt hilfreich sein; auch gab es gewisse Gebote der Nichteinmischung unseres staatlichen Fernsehens – das rechne ich übrigens zu den schweren Fehlern). Dazu kam die Hetze gewisser SPD- und DGB-Funktionäre.
Wir – Grenze an Grenze mit dem aggressiven Klassenfeind und einer Frontstadt Westberlin mittendrin – mußten den Kampf mit staatlichen Mitteln führen (und haben dabei gewiß oft überreagiert). Wir spürten den Kampf kaum am eigenen Leibe (außer unsere Grenzer und die Genossen der Staatssicherheit). Unsere Antwort war:
Produktionsleistungen – Wehrbereitschaft – Solidarität.
Und immer im Feuer überlegener hemmungsloserFeindpropaganda (die von manchen unterschätzt wurde), einer psychologischen Kriegführung, die mit ständiger
Einmischung, ständigen Lügen und Verleumdungen jede Schwäche der DDR ausnutzte, jeden Fehler (und wer macht auf Neuland keine Fehler?), jede notwendige Maßnahme, die wir oft genug genügend begründeten.
Der Philosoph Hans Mayer, den wir törichterweise aus Leipzig weggeekelt haben, schreibt in einem Buch: „Man darf kein Ding, auch keinen Staat, von seinem Ende her beurteilen und bewerten, sondern zu nächst einmal von seinem Anfang.“
Wenn wir so an die Deutsche Demokratische Republik herangehen, dann bleiben von einem Meter des Zollstocks 95 Zentimeter Erfolge, Leistungen, Fortschritte von historischem Ausmaß. Und ganze fünf Zentimeter, was wir hätten anders machen sollen oder falsch gemacht haben (und da sind noch nicht einmal die jeweiligen Umstände dabei, die uns dieses oder jenes erlaubt oder nicht erlaubt haben). Deshalb bin ich bei der Fehlersuche für die Beachtung der Proportionen. Und dann muß noch das Differenzieren hinzukommen, die Beachtung historischer und aktueller Zwänge.
Unsere Verbündeten waren keine reichen Amerikaner, sondern kriegsgebeutelte Russen,
die mitten in ihrem Aufbruch vom Bastschuh zum Lederstiefel überfallen worden waren. Und was hatten sie Anfang der zwanziger Jahre in Angriff genommen: Ein Armenhaus mußte alphabetisiert werden, elektrifiziert und industrialisiert, die Landwirtschaft kollektiviert, das schier endlos weite Land zum Staat geeint, zur einzigen sicheren Bastion ausgebaut werden gegen den Weltimperialismus und seinen deutschen Faschismus. Und das alles nach Bürgerkrieg, Interventionskriegen, Konterrevolution, Aggression im fernen Osten, Hitlerkrieg! Mit ihren Schwächen und Fehlern müssen sich unsere Genossen im Osten selbst auseinandersetzen.
Und sie haben ja damit begonnen.
Uns verbietet enge Freundschaft, Befreiung, die Millionen das Leben kostete, Witwen und Waisen, trotzdem freundschaftliche Hilfe – uns verbietet die unauslöschliche deutsch-sowjetische Freundschaft jede Kritik an der Sowjetunion Lenins und Stalins.
Aber ist die DDR an ihren Fehlern und Schwächen zugrunde gegangen? Würde sie – die Frage muß erlaubt sein – in einem untadeligen, chemisch reinen sozialistischen Zustand heute noch existieren? Hat die Konterrevolution nicht erst in Polen, Ungarn, Budapest und dann erst in Rumänien, Bulgarien, der Tschechoslowakei und ganz zuletzt erst in der DDR gesiegt? Diese Frage erfordert ein erheblich ehrlicheres, gründlicheres wissenschaftliches Herangehen an das Problem, als es die heutigen „Historiker“, „Experten“, „Wissenschaftler“, Klugscheißer bis hinunter zu den Weisen aus dem Abendland der Journalistik sich erfrechen.
Nicht weil wir Schwächen gehabt und Fehler gemacht haben, wurden wir in den weltweiten Klassenkampf einbezogen (und haben ihn zunächst einmal mitverloren), sondern weil wir das Schlimmste verkörperten, was sich der deutsche Imperialismus vorstellen kann: Auf deutschem Boden ein sozialistischer Staat, die Deutsche Demokratische Republik! Daß wir da waren, daß wir existierten – das war zuviel! Sie mußte weg! Mit allen
Mitteln der Politik, der Außenpolitik, des Wirtschaftskrieges, des verdeckten Krieges, des Medienterrors und – anders als in der CSSR, in Polen, in der Sowjetunion und den anderen – mit derselben Sprache und breitgefächerten Verwandtschaften, mit Beziehungen hinüber und herüber.
Trotzdem gibt es keine „ehemalige DDR“. Trotz alledem! (Man sagt ja auch nicht „ehemalige Weimarer Republik“ und nicht „ehemaliges Kaiserreich“ oder gar „ehemaliges Großdeutschland“.) Das hätten sie gern!
Als wir schon verlassen und verraten waren, kamen sie über uns: Bundestagsabgeordnete aller Parteien fielen über die „Brüder und Schwestern“ her. Sie wußten nicht, wo Riebnitz oder Reichenbach lagen, aber sie kamen mit Mercedes und BMW, mit Apfelsinen und Bananen (die sie uns jahrzehntelang vorenthalten hatten – und die unsere Kinder nicht gekannt hätten, wenn es nicht Alexander Schalck-Golodkowski gegeben hätte), sie kamen
mit Westmark und dem Versprechen blühender Landschaften und daß es keinem schlechter gehen werde. Und so inszenierten sie – die Herren aus Bonn – in der immer noch souveränen DDR ihre „ersten freien Wahlen“ und fanden eine willige Volkskammer und gefügige Runde Tische. Und musterten Häuser, die sie besetzten und Bauten, die sie abrissen, um Banken, Versicherungen, Einkaufscenter – und Arbeitsämter zu bauen. Und brachten Bürger der Deutschen Demokratischen Republik – was sage ich: Bürger des „Beitrittsgebietes“ um ihr Eigentum, viele um wohlverdiente und erarbeitete Rente, um ihre Würde und ihren Stolz auf das, was sie in 40 schweren Jahren erarbeitet hatten – trotz alledem! Und das sollte gefeiert werden, das sollte ein „Tag der Einheit“ sein? Das
soll man „freundlich und kritisch betrachten“? Wohlgemerkt: Ich wünsche mir nicht die Deutsche Demokratische Republik zurück.
Die Geschichte ist weitergegangen. Und sie wird weitergehen. Wir haben dafür zu sorgen, daß sie nicht so weitergeht, wie sie zur Zeit in Bewegung ist. Brutaler, räuberischer, unmenschlicher Kapitalismus kann nicht die letzte Antwort der Geschichte sein! Die Antwort kann nur SOZIALISMUS lauten. Der fällt nicht vom Himmel. Er will erkämpft sein, und das ist ein langer Prozeß. Aber wann wollen wir damit anfangen – wenn nicht jetzt!
Verzagen?
„Man muß sich möglichst nüchtern, klar und anschaulich Rechenschaft darüber ablegen, was wir eigentlich ‚zu Ende geführt‘ haben und was wir nicht zu Ende geführt haben. Der Kopf wird dann frisch bleiben, es wird weder Übelkeit noch Illusionen noch Verzagtheit geben.“ Der das im Februar 1922 geschrieben hat, hieß Wladimir Iljitsch Lenin. Und erfuhr in seinem Brief fort: „Als rettungslos verloren müßte man diejenigen Kommunisten
bezeichnen, die sich einbilden wollen, daß man ohne Fehler, ohne Rückzüge, ohne vielmaliges Neubeginnen des nicht zu Ende Geführten und des falsch Gemachten solch ein weltgeschichtliches ‚Unternehmen‘ wie die Vollendung des Fundaments der sozialistischen Wirtschaft zu Ende führen könnte. Diejenigen Kommunisten aber, die weder in Illusionen noch in Verzagtheit verfallen, die sich die Kraft und die Geschmeidigkeit des
Organismus bewahren, um beim Herangehen an die überaus schwierige Aufgabe ‚von Anfang zu beginnen‘, sind nicht verloren!“
Auf DDR-Deutsch: Auf deutschem Boden wird der siegreiche Sozialismus unauslöschbare, unbesiegliche Züge der Deutschen Demokratischen Republik tragen – trotz alledem! (Starker, lang anhaltender Beifall)
Marta Rafael, Karl-Eduard von Schnitzler,
Eichwalde
aus: Offensiv (Hrsg.): Auferstanden aus Ruinen, Über das revolutionäre Erbe der DDR, Hannover Januar 2000.



Veröffentlicht am Montag, 07. März 2016 14:41
Geschrieben von estro
>>>Die FDJ wurde einst für ganz Deutschland gegründet. In der Bundesrepublik aber schon 1951 verboten, weil sie gegen die Remilitarisierung und für die deutsche Einheit eintrat. Für diese Ziele demonstrierten am 11. Mai 1952 in Essen 30 000 westdeutsche FDJ-Mitglieder.<<<

fdjLiebe Jugendfreundinnen und liebe Jugendfreunde,

das Jubiläum, an das wir heute erinnern, hat für uns geschichtliche, aktuelle und sehr persönliche Bezüge.

Es ist verbunden mit unseren Lebensläufen, mit Höhen und Tiefen unserer Entwicklung, mit Träumen vom siegreichen Sozialismus und Realitäten einer bitteren historischen Niederlage.

Die FDJ war Teil unseres Lebens.

Als wir uns vor 20 Jahren das erste Mal nach 1990 trafen, hatte Hans Modrow gerade das Buch herausgegeben „Unser Zeichen war die Sonne“. Er schrieb damals: „Wenn ich auf meine Zeit in und mit der FDJ … zurückblicke, hat der Jugendverband mein Leben nicht nur begleitet, sondern mitbestimmt und geformt.“

Diese Erfahrung teilen mit ihm viele Bürger, die einst der FDJ angehörten.

Das heutige Erinnern ist dennoch zwiespältig. 26 von den 70 Jahren leben wir bereits in einer Gesellschaft, die nicht unseren Jugendidealen entspricht.

Daher ist mir zuerst ein Punkt wichtig, der uns wohl alle miteinander verbindet:

Wir alle haben der DDR viel von unserer Lebenskraft und Leidenschaft, von unserem Wissen und Können gegeben, immer in der Überzeugung, dem besseren Deutschland zu dienen.

In der FDJ wollten wir unsere Ideale verwirklichen von einer Gesellschaft, in der der Mensch nicht des Menschen Wolf, sondern sein Freund ist, in der die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen für immer beseitigt werden sollte.

Dann aber kamen die „jähen Wendungen“, vor denen in Reden zwar oft gewarnt wurde, aber wohl kaum jemand von uns sich vorstellen konnte, dass die gute und gerechte Sache, für die wir einstanden, auch verloren gehen könnte.

Auf diese Weise kamen wir 1990 in einer uns fremden Gesellschaft an.

Was heißt: Wir kamen an? Eine Begrüßungskultur für DDR-Bürger gab es ja nicht. Und auch keine Integrationsbemühungen. Eher eine Un-Kultur der Ausgrenzung.

Jeder war nun auf sich selbst gestellt. Die neue Ordnung funktioniert nach dem alten Grundsatz: Teile und herrsche! Sie setzt darauf, die Solidarität, die uns einst stark machte, zu brechen und unser Leben ausschließlich zu individualisieren.

Unsere Lebensläufe änderten zwangsläufig ihre Richtung. Viele schafften es, sich eine neue Existenz aufzubauen. Manche wurden Kleinunternehmer mit Selbstausbeutung. Andere trafen sich auf dem Arbeitsamt oder in berufsfremden Branchen wieder, nicht wenige wurden trotz hervorragender Ausbildung Hilfsarbeiter oder blieben Hartz IV-Empfänger.

Wenn wir uns heute begegnen, wissen wir von einander: Das zurückliegende Vierteljahrhundert war für niemanden von uns einfach. Die meisten haben trotz alledem diese Zeit erhobenen Hauptes überstanden. Das spricht für Charakter.

Einige unserer Weggefährten sind nicht mehr unter den Lebenden.

Auch an sie denken wir heute. Günther Jahn, den der Tod kürzlich unerwartet aus unserer Mitte riss, pflegte über Nachwendeverhalten zu sagen „Eine mit Würde getragene Niederlage kann auch ein Sieg sein.“

Wer wollte bestreiten, dass die unterschiedlichen Nachwende – Erfahrungen auch Unterschiede in der Bewertung unserer Vergangenheit mit sich bringen können?

Der Rückblick auf die DDR und auch die FDJ wird wahrscheinlich so vielfältig bleiben, wie es einst Bürger in unserem Lande gab. Jeder hat mit der DDR seine eigenen Erfahrungen gemacht. Rechthaberei und Besserwisserei taugen nicht zur Analyse eines Lebens, das eingebettet war in einen fast 45 – jährigen Krieg, einen kalten zwar, aber immer am Rande einer möglichen atomaren Katastrophe.

Wer wirklich nachgedacht und sich nicht einfach auf dem Absatz umgedreht hat, um das Gegenteil von dem zu behaupten, was er bis 1989 gedacht hat, den brauchen unsere Jahre in der FDJ und mit der FDJ wirklich nicht zu reuen.

Ich finde, wir hatten ein sinnerfülltes Leben, auch wenn es uns nicht vergönnt ist, zu den Siegern der Geschichte zu gehören. Unsere Ideale sind nicht schlechter geworden, weil wir sie im ersten Anlauf nicht verwirklichen konnten. Die sozialistische Idee – davon bin ich überzeugt – wird leben, auch wenn wir die Welt längst verlassen haben.

Für mich hat der Rückblick auf die die DDR und die FDJ deshalb vor allem einen Zukunftswert.

Sollten unsere Enkel oder Urenkel oder erst deren Enkel es einmal erneut versuchen, dann müssen sie nicht nur wissen, was wir falsch gemacht haben, sondern vor allem, welche bleibende Spur die DDR und mit ihr die FDJ in der Geschichte hinterlassen?

Diese Spur bleibt für mich zukunftszugewandt: Wir waren trotz aller Unvollkommenheiten an einem großen historischen Projekt beteiligt, das da heißt: Auch in Deutschland sind Alternativen zum Kapitalismus möglich.

Neben dem Grundsätzlichen wird es noch in Jahrzehnten Spuren geben, die an die Taten der FDJ-Mitglieder erinnern. Eberhard Aurich zählt in einem Pressebeitrag dazu die Jugendobjekte von „Max braucht Wasser“ über den Bau der „Drushbatrasse“ bis hin zur „FDJ-Initiative Berlin“.

Diese Spuren lassen sich nicht verwischen, auch wenn inzwischen ganze Anti-DDR-Einrichtungen daran arbeiten.

Damit bin ich bei der nächsten Frage, die mir im Zusammenhang mit unserem Treffen wichtig scheint.

Sind wir Nostalgiker? Sind wir Unbelehrbare? Ewiggestrige? Nur, weil wir uns von anderen nicht ihre Sicht auf unser Leben aufdrängen lassen wollen, nur, weil wir unser Leben selbst bewerten wollen?

Auch wenn ich überzeugt bin, dass Ostalgie ein Modewort ist, das die Erinnerung und Besinnung auf gelebtes Leben in der DDR denunzieren soll, erinnere ich dennoch mit Freude immer wieder an die Tatsache, dass es in Deutschland einmal einen Staat gegeben hat, in dem die von der FDJ 1946 proklamierten Grundrechte der jungen Generation Verfassungswirklichkeit waren.

Die DDR brach das Bildungsprivileg der Reichen, wohl wissend, dass dies für bisher Privilegierte durchaus nachteilig sein konnte. Dafür aber hatten erstmals in der deutschen Geschichte Arbeiter- und Bauernkinder freien Zugang zu den hohen Schulen. Junge Leute gingen nach der Ausbildung zur Arbeit und nicht zum Arbeitsamt.

Die DDR duldete keinen Neonazismus und keinen Fremdenhass, wenngleich wir die Augen nie davor verschlossen, dass der Schoß, aus dem das kroch, noch lange fruchtbar blieb.

Die DDR schickte keine Soldaten zu Kriegseinsätzen ins Ausland, sie bombardierte keine Brücken in Jugoslawien oder Tanklastzüge in Afghanistan, sie schickte keine Kriegsflugzeuge nach Syrien. Sie ist bis heute der einzige deutsche Staat, der nie einen Krieg geführt hat.

Wenn die Erinnerung an solche Tatsachen Nostalgie sein sollte, will ich gern ein Nostalgiker sein.

In einem Punkt aber bin ich zu keinem Kompromiss bereit. Wer die DDR in eine Reihe mit dem Nazireich und die FDJ in Verbindung mit der Hitlerjugend bringt, dem widerspreche ich entschieden.

Haben etwa die Gründungsinitiatoren der FDJ – der Auschwitz- und Buchenwaldinsasse Hermann Axen mit der ihm von der SS eingebrannten Nummer 58787, der Mitbegründer der FDJ in England, der jüdische Exilant Horst Brasch, der Gefangene Erich Honecker mit 10-jähriger Hafterfahrung, der vom Reichskriegsgericht zum Tode verurteilte Mitbegründer des Nationalkomitees Freies Deutschland“, Heinz Kessler, der Brandenburg-Häftling Robert Menzel, der aus politischem Asyl in Schweden heimgekehrte Paul Verner und ihre Weggefährten aus sozialdemokratischen, christlichen und bürgerlichen Kreisen – haben sie etwa das Werk Hitlers fortsetzen wollen?

So absurd wie diese Frage, ist auch die Behauptung des amtierenden deutschen Staatsoberhaupts, wir hätten 56 Jahre in der Diktatur gelebt. Wer Sinn für geschichtliche Realitäten hat, kann nicht 12 Jahre Nazi – Barbarei, 4 Jahre Besatzungszeit und 40 DDR-Jahre in einen Topf werfen. Das ist für viele nicht nur beleidigend. Es ist vor allem eine Verharmlosung des sogenannten „Nationalsozialismus“, der weder national noch sozialistisch, sondern einmalig verbrecherisch war.

Wenn die heute Herrschenden die Ursachen für aktuelle Ausländerfeindlichkeit und Rassismus der DDR anlasten wollen, so ist dies primitive Anti-DDR-Propaganda. Sie zeigt nur die Hilflosigkeit der Regierenden, die Quelle dafür in ihrer eigenen Politik zu erkennen und zu bekämpfen.

Beim Lesen der „junge welt“ empfinde ich stets Freunde darüber, dass die erste deutsche Tageszeitung der Jugend als linke Tageszeitung überlebt hat. Als sie noch Organ des Zentralrates der FDJ war, hat sie in Millionenauflage das „Tagebuch der Anne Frank“ veröffentlicht. Das entsprach der Rolle der FDJ, die vom ersten Tage ihrer Gründung an eine antifaschistische Organisation war.

Zu Jahresbeginn ist das Urheberrecht für zwei völlig entgegengesetzte Werke abgelaufen: Das der Hetzschrift „Mein Kampf“ und das des Werkes der Weltliteratur „Das Tagebuch der Anne Frank“. Der Umgang mit beiden sagt viel aus über die Atmosphäre in diesem Lande.

Man macht einen Wind um Hitlers Machwerk – mit oder ohne Kommentar – als könne man aus dem Buch erfahren, was Faschismus bedeutet.

Mir ist aber nicht bekannt geworden, dass deutsche Leitmedien oder Politiker auf die Idee gekommen wären, das einzigartige literarische Erbe von Anne Frank in Auflagen zu verbreiten, die es ermöglichen könnten, dass es viele junge Leute wirklich lesen, darüber sprechen und sich damit auseinandersetzen. Das wäre angesichts des Wieder-Aufflammens brauner Pest ein Zeichen des geistigen Widerstandes gegen die Brandstifter.

Schließlich liegt mir noch ein dritter Punkt am Herzen:

Die FDJ wurde einst für ganz Deutschland gegründet. In der Bundesrepublik aber schon 1951 verboten, weil sie gegen die Remilitarisierung und für die deutsche Einheit eintrat. Für diese Ziele demonstrierten am 11. Mai 1952 in Essen 30 000 westdeutsche FDJ-Mitglieder. Der 21-jährige Philipp Müller wurde dabei von der bundesdeutschen Polizei erschossen. Das war und bleibt ein Verbrechen. Bundesdeutsche Geschichtsschreiber aber schweigen darüber.

Aktuelle Bezüge hat auch der folgende Fakt: Der westdeutsche FDJ-Vorsitzende Jupp Angenfort wurde zu 5 Jahren Zuchthaus verurteilt, obwohl er Abgeordneter des Landtages von Nordrhein-Westfalen war. Als er später seine Rente beantragte, fragte man ihn nach den Jahren, in denen er nicht sozialversichert war. Nachdem er geantwortete hatte, er sei in Haft gewesen, meinte die Bearbeiterin: Das müssen Sie unbedingt angeben. Dann bekommen Sie eine höhere Rente. Als er jedoch mitteilte, er sei in einem westdeutschen Zuchthaus gewesen, war es aus mit der Aussicht auf höhere Rente. Die stünde – so die Beamtin – nur „DDR-Opfern“ zu.

Die Opfer des Kalten Krieges in der alten Bundesrepublik, darunter zehntausende FDJ-Mitglieder, sind bis heute nicht rehabilitiert. Es gibt nach wie vor keine Gleichheit der Deutschen vor der Geschichte. Wer aber die deutsche Nachkriegsgeschichte verstehen will, muss beide Staaten unter die Lupe nehmen. Hier die Hölle und dort der Garten Eden – so ist die Geschichte nicht verlaufen.

Zum Schluss eine zukunftsorientierte Information: Der immer noch aktive Weltbund der Demokratischen Jugend, dem auch die heutige FDJ angehört, hat an die russische Führung den Antrag gestellt, die XIX. Weltfestspiele der Jugend und Studenten 2017 anlässlich des 100. Jahrestages der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution in Russland durchführen zu können. Präsident Putin hat diesem Antrag zugestimmt und die russische Gesellschaft aufgerufen, ein guter Gastgeber für die Jugend der Welt zu sein.

Hier im Saal sind Vertreter unterschiedlicher Generationen versammelt. Solche, die den Krieg noch erlebt haben und solche, die in den Frieden hinein geboren wurden. Wir alle, selbst die Jüngsten unter uns, sind inzwischen in die Jahre gekommen. Wir leben aber nicht in der Vergangenheit. Wir sind hell wach, wenn es um eine friedliche Zukunft für uns, unsere Kinder und Kindeskinder geht. In diesem Sinne allen ein herzliches Freundschaft!

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