Die Wahrheit über Lawrenti Berija

Berija LawrentiNicht einmal in der Großen Sowjet-Enzyklopädie, geschweige denn im Lexikon des VEB Bibliographischen Instituts Leipzig ist sein Name mehr verzeichnet. Er existiert einfach nicht. Es hat ihn nie gegeben. – Oder doch? Lawrénti Páwlowitsch Bérija.

Berge von Lügen und Verleumdungen wurden über Berija ausgekippt, er sei ein Henker gewesen, abnorm veranlagt, herrschsüchtig und gewalttätig. Und was nicht alles noch. Man versuchte ihn totzuschweigen, strich ihn aus allen Registern. Doch alles das geschah im Namen seiner Mörder, die ihn heimtückisch und kaltblütig umbringen ließen. – Lawrenti Pawlowitsch Berija war eine unglaublich produktive und erfolgreiche Persönlichkeit, ein Mensch von Willenskraft und Charakter – ein Kommunist …

Die Wahrheit über Lawrenti Berija

Jelena Prudnikowa

Am 26. Juni 1953 erhielten drei vor Moskau stehende Panzer-Regimenter den Befehl des Verteidigungsministers, aufmunitioniert zu werden und in die Hauptstadt einzumarschieren. Einen solchen Befehl erhielt auch eine Mot.Schützendivision. Zwei Divisionen der Luftstreitkräfte und ein Bomber-Verband waren in volle Kampfbereitschaft versetzt worden, und warteten auf den Befehl einer möglichen Bombardierung des Kremls.
Nachher ließ man eine Version dieser Vorbereitungen verlauten: Der Innenminister Berija habe einen staatlichen Putsch vorbereitet, den man hatte verhindern müssen, und Berija sei verhaftet, verurteilt und erschossen worden. Über 50 Jahre lang wurde diese Version von niemandem angezweifelt.

Ein gewöhnlich, doch ein nicht sehr gewöhnlicher Mensch, weiß über Lawrenti Berija nur zwei Sachen: er war ein Henker und und ein sexuell abnorm veranlagter Mensch. Alles übrige wurde aus der Geschichte entfernt. So ist es doch sehr seltsam: Wieso hat Stalin neben sich eine so abnorme und finstere Gestalt ertragen. Hat er sich vielleicht gefürchtet? Ein Rätsel.

Doch er hat sich niemals gefürchtet! Und es gibt überhaupt kein Rätsel. Im übrigen: ohne Verständnis für die tatsächliche Rolle dieses Menschen ist es unmöglich, die Stalin-Epoche zu verstehen. Weil alles in Wirklichkeit ganz anders war, als es sich später diejenigen ausgedacht haben, nachdem sie in die UdSSR die Macht erobert und alle Siege und Errungenschaften ihrer Vorgänger privatisiert hatten.

Das „Wirtschaftswunder“ von Transkaukasien

Über „das japanische Wirtschaftswunder“ haben bei uns schon viele etwas gehört. Doch wer kennt das georgische?

Im Herbst 1931 wurde der junge Tschekist Lawrenti Berija [1] zum ersten Sekretär der Kommunistischen Partei Georgiens – er war eine sehr bemerkenswerte Persönlichkeit. Im Jahr 1920 führte er bereits ein illegales Netz im menschewistischen Georgien. 1923, als die Republik unter die Kontrolle der Bolschewiki kam, kämpfte er gegen das Banditentum und erreichte beeindruckende Ergebnisse – Anfang dieses Jahres gab es in Georgien 31 Banden, zum Jahresende blieben davon nur 10 übrig. 1925 wurde Berija mit dem Rotbannerorden ausgezeichnet. 1929 wurde er Vorsitzender der GPU in Transkaukasien und zugleich bevollmächtigter Vertreter der OGPU [2] in der Region. Aber wie es seltsamerweise manchmal ist, versuchte Berija hartnäckig, sich vom tschekistischen Dienst zu verabschieden. Er träumte davon, endlich seine Ausbildung zu beenden und Bauarbeiter zu werden.

Er schrieb sogar 1930 an Ordshonikidse einen verzweifelten Brief. „Sehr geehrter Sergo! Ich weiß, Sie werden sagen, daß jetzt nicht die Zeit ist, die Frage eines Studiums anzusprechen. Aber was soll ich machen. Ich fühle, daß ich nicht mehr kann.“

In Moskau wurde jedoch genau das Gegenteil seiner Bitte erfüllt. Und so wurde Berija im Herbst 1931 zum ersten Sekretär der Kommunistischen Partei Georgiens. Ein Jahr später war er der Erste Sekretär des Transkaukasischen Landeskomitees, und damit praktisch Herr der Region. Und darüber, wie er in dieser Funktion arbeitete, wird heute bei uns ganz und gar nicht gern gesprochen.

Und was für ein Rayon war Berija da zugefallen. Eine Industrie als solche existierte nicht. Ein verarmtes, verhungertes Randgebiet. Bekanntlich war in der UdSSR von 1927 an mit der Kollektivierung begonnen worden. Bis zum Jahre 1931 war es in Georgien gelungen, 36 % der Landwirtschaft in die Kolchosen zu bringen, aber weniger hungrig wurde die Bevölkerung dadurch nicht.

Doch da führte Berija einen geschickten Schachzug aus. Er brach die Kollektivierung kurzerhand ab und ließ die privaten Unternehmer in Ruhe. Dafür wurde in den Kolchosen weder Brot noch Mais erzeugt, was nichts einbrachte, dafür aber wertvolle Kulturen, wie Tee, Zitrusfrüchte, Tabak und Weintrauben. Und hier rechtfertigten sich die großen landwirtschaftlichen Betriebe zu hundert Prozent! Die Kolchosen begannen mit einer solchen Geschwindigkeit reich zu werden, daß die Bauern sich ihnen von selbst unterwarfen. Und bis 1939 war ohne jeden Zwang 86 % der Landwirtschaft vergesellschaftet. Ein Beispiel: 1930 betrug die Fläche der Mandarinen-Plantagen anderthalb Tausend Hektar, 1940 waren es zwanzigtausend Hektar. Der Ernteertrag eines Baumes nahm zu, in einigen Agrargenossenschaften sogar um das 20fache. Wenn Sie heute irgendwo auf dem Markt abchasische Mandarinen sehen, dann sollten Sie sich an Lawrenti Pawlowitsch erinnern!

In der Industrie arbeitete Berija genauso wirksam. Während des ersten Fünfjahrplanes nahm allein in Georgien der Umfang der industriellen Bruttoproduktion um fast das sechsfache zu. Im zweiten Fünfjahrplan noch einmal um das fünffache. In den übrigen transkaukasischen Republiken war es das gleiche. Ausgerechnet unter Berija wurde beispielsweise damit begonnen, auf dem Festlandsockel des Kaspischen Meers zu bohren, wofür man ihn der Verschwendungssucht beschuldigte: Warum verleitet man uns hier zu jedem Unsinn! Dafür gibt es heute um das kaspische Erdöl und die Trassierung seiner Pipelines einen wahren Krieg zwischen den Supermächten.

Als damals Transkaukasien zur „Kurhauptstadt“ der UdSSR wurde, wer dachte da an das „Kur-Business“? Schon 1938 nahm Georgien dem Bildungsniveau nach einen der vordersten Plätze der Sowjetunion ein, und nach der Zahl der Studenten war es England und Deutschland um Tausende voraus.

Kurz gesagt: in diesen sieben Jahren, als Berija sich in der Funktion einer „Hauptperson“ in Transkaukasien befand, hat er die Wirtschaft dieser rückschrittlichen Republiken soweit vorangebracht, daß sie in den 1990er Jahren zu den reichsten der Sowjetunion gehörten. Da hätten diese gelehrten Herren Doktoren der Ökonomie, die in der UdSSR die Perestrojka durchführten, von diesem Tschekisten einiges lernen können.

Und dabei war das eine Zeit, in der man Wirtschaftsfunktionäre, nicht aber politische Schwätzer, nur gegen Gold hätte aufwiegen können. Einen solchen Menschen konnte sich Stalin nicht entgehen lassen. Und die Berufung Berijas nach Moskau war nicht das Ergebnis von Intrigen des Parteiapparats, wie man es heute versucht darzustellen, sondern eine völlig gesetzmäßige Sache – einem solchen Menschen, der so in der Region arbeitet, dem kann man auch große Aufgaben im Land anvertrauen.

Das wahnsinnige Schwert der Revolution

Bei uns verbindet man den Namen Berija in erster Linie mit Repressalien. In diesem Zusammenhang erlauben Sie die allereinfachste Frage: Wann waren die „Berijaschen Repressalien“? Wann genau, bitte! Es gab sie nicht. Für das berüchtigte „Jahr 1937“ war der damalige Chef des NKWD [3], Genosse Jeshow, verantwortlich. Es gibt sogar einen Ausdruck dafür – „Jeshow-Fäustlinge“. Und die Nachkriegsrepressalien wurden auch durchgeführt, als Berija schon nicht mehr in den Sicherheitsorganen arbeitete, und als er 1953 dorthin kam, war das erste, was er tat – sie zu beenden. Wann die „Berijaschen Rehabilitierungen“ waren, ist in der Geschichte eindeutig festgelegt. Doch die „Berijaschen Repressalien“ sind ganz klar ein Produkt der „schwarzen PR-Maßnahmen“.
Doch was hat sich in Wirklichkeit abgespielt?

Mit den Führern der WTscheK-OGPU [4] hatte das Land anfangs nicht viel Glück. Dzierżyński war ein starker, entschlossener und ehrlicher Mensch, da er aber äußerst belastet war mit Arbeit in der Regierung, übertrug er das Amt auf seine Stellvertreter. Sein Nachfolger Menschinski war ernsthaft krank und er tat das gleiche. Die Hauptkräfte der Sicherheitsorgane waren während des Bürgerkriegs ausgewählt worden, sie waren wenig gebildet, prinzipienlos und grausam, und man kann sich vorstellen, welche Umstände dort herrschten. Um so mehr, als sich schon gegen Ende der 1920er Jahre die Leiter dieses Amtes gegenüber jeglichen Kontrolle ihrer Tätigkeit immer sehr genervt verhielten:

Jeshow war neu in den Sicherheitsorganen, er fing gut an, geriet aber dann schnell unter den Einfluß seines Stellvertreters Frinowski. Dieser hatte den neuen Volkskommissar anfangs mit der tschekistischen Tätigkeit gerade „in der Produktion“ ausgebildet. Die Anfangsgründe waren äußerst einfach: je mehr wir Volksfeinde fangen, desto besser; schlagen kann man und muß man, aber schlagen und trinken [5] — ist noch lustiger. Betrunken vom Wodka, vom Blut und von der Straflosigkeit, war der Volkskommissar schon bald „abgedriftet“. Er verbarg seine neuen Ansichten nicht mehr besonders vor der Umgebung. „Wovor fürchten Sie sich?“ sagte er auf einem der Bankette. „Die ganze Macht liegt doch in unseren Händen. Wen wir hinrichten und wen wir begnadigen, das entscheiden wir. Das ist alles. Es ist notwendig, daß sich alle, vom Bezirkssekretär angefangen, dir unterordnen.“ Wenn sich der Bezirkssekretär dem Vorgesetzten der Gebietsverwaltung des NKWD unterordnen soll, so muß man fragen: Wem ordnet Jeshow sich unter? Mit solchen Leuten und solchen Ansichten wurde der NKGB sowohl für den Staat, als auch für das Land tödlich gefährlich.

Es ist schwer zu sagen, wann man im Kreml anfing, sich des Geschehens bewußt zu werden. Wahrscheinlich irgendwann in der ersten Hälfte von 1938. Aber sich bewußt zu sein, ist das eine, aber das andere ist – wie soll man das Monster bändigen? Der Ausgangspunkt ist doch, Menschen mit einem solchen Niveau an Loyalität, an Tapferkeit und Professionalität heranzuziehen, daß man einerseits mit dem NKWD zurechtzukommen, andererseits aber ein Untier anhalten konnte. Stalin hatte kaum eine große Auswahl solcher Menschen zu Verfügung. Gut, wenn sich einer darunter befand.

Die Zügelung des NKWD

1938 wurde Berija in den Rang eines Stellvertreters des Volkskommissars für innere Angelegenheiten und Leiters der Hauptverwaltung der Staatssicherheit versetzt, um die Bedienungshebel der gefährlichsten Struktur aufzufangen. Beinahe unmittelbar danach, genauer gesagt vor den Novemberfeiertagen, wurde die ganze Spitze des Volkskommissariats größtenteils verhaftet oder versetzt. Als dann in die Schlüsselpositionen zuverlässige Leute eingesetzt worden waren, begann Berija zu begreifen, was sein Vorgänger angerichtet hatte. Die überheblich gewordenen Tschekisten hatten irgendwelche Leute entlassen, verhaftet, erschossen. (Übrigens, wissen Sie, welchen Befehl Berija, als er 1953 wieder Innenminister wurde, zuallererst gab? Er erließ ein Verbot der Folterung! Er wußte, weshalb.)

Die Sicherheitsorgane wurden gründlich gesäubert: aus dem Mitarbeiterbestand wurden 7.372 Personen (22,9 %) entlassen, und von der Leitung — 3.830 Personen (62 %). Gleichzeitig befaßte man sich mit der Überprüfung der Klagen und der Herzensangelegenheiten. Die in letzter Zeit veröffentlichten Angaben haben es erlaubt, das Ausmaß dieser Arbeit zu bewerten. Beispielsweise wurden 1937-38 aus politischen Motiven etwa 30.000 Personen aus der Armee entlassen. Nach dem Führungswechsel beim NKWD konnten 12.500 zurückkehren. Das sind etwa 40 %. Nach ungefähren, vorläufigen Angaben, da vollständige Informationen bisher nicht bekanntgegeben wurden, sind bis 1941 von den 630.000 Delinquenten aus der Jeshow-Zeit 150.000-180.000 Menschen aus den Lagern und Gefängnissen befreit worden. Das ist etwa ein Drittel.

Die „Normalisierung“ des NKWD dauerte lange und konnte nicht bis zu Ende geführt werden, obwohl die Arbeit bis 1945 fortgesetzt wurde. Immer wieder stieß man auf ganz unglaubliche Tatsachen. Zum Beispiel wurden 1941, besonders dort, wo die Deutschen waren, mit den Häftlingen keine besonderen Umstände gemacht – angeblich wird im Krieg alles zu Grabe getragen. Doch alles auf den Krieg zu schieben, das mißlang. Vom 22. Juni bis 31. Dezember 1941 (in den schwersten Monaten des Krieges!) wurden 227 Mitarbeiter des NKWD strafrechtlich für die Überschreitung ihrer Machtbefugnisse zur Verantwortung gezogen. 19 von ihnen erhielten für ungesetzliche Erschießungen das höchste Strafmaß.

Zu Berija gehört auch andere Erfindung der Epoche, die „Scharaschki“ [6]. Unter den Verhafteten waren nicht wenige Leute, die für das Land sehr wichtig waren. Natürlich, waren es nicht Dichter und Schriftsteller, worüber am heute meisten und am lautesten lamentiert wird, sondern Wissenschaftler, Ingenieure und Konstrukteure, die in erster Linie für die Landesverteidigung arbeiteten.

Repressalien in diesem Bereich, das ist ein besonderes Thema. Von wem und unter welchen Umständen wurden die Hersteller der Militärtechnik unter den Bedingungen des herannahenden Krieges festgehalten? Die Frage ist durchaus keine rhetorische. Erstens gab es im NKWD tatsächlich auch deutsche Agenten, die im Auftrag der deutschen Geheimdienste, für den sowjetischen Verteidigungskomplex unentbehrliche Leute zu neutralisieren versuchten. Zweitens gab es zu jener Zeit keinesfalls weniger „Dissidenten“, als Ende der achtziger Jahre. Hinzu kommen hier unglaubliche Intrigen, und Denunziation war schon immer ein beliebtes Mittel, um Punkte zu sammeln und Karriere zu machen.
Wie dem auch sei, nachdem Berija Volkskommissar für inneren Angelegenheiten geworden war, wurde er mit der Tatsache konfrontiert, daß sich in seinem Bereich Hunderte verhafteter Wissenschaftler und Konstrukteure befanden, deren Arbeit dem Land einfach dringend nötig war. Heute ist es Mode zu sagen — fühlen Sie sich als Volkskommissar! Vor Ihnen steht eine Tatsache. Dieser Mensch kann schuldig sein, oder ist vielleicht schuldlos, aber er ist unentbehrlich. Was soll man tun? Soll man schreiben: „Entlassen.“ und den Untergebenen im Gegenzug ein Beispiel für Ungesetzlichkeit geben? Den Vorfall prüfen? Ja, natürlich, aber da liegen noch 600.000 solche Vorfälle im Schrank. Tatsächlich müßte man nach jedem einzelnen Vorgang nochmals untersuchen, doch dafür fehlt es an Personal. Wenn es sich um die bereits Verurteilten handelt, müßte man auch eine Aufhebung des Urteils anstreben. Doch wo soll man da anfangen? Mit den Wissenschaftlern? Mit den Militärs? Aber die Zeit läuft, die Menschen sind inhaftiert und der Krieg rückt immer näher…

Berija entschied sich schnell. Schon am 10. Januar 1939 unterschrieb er den Befehl zur Schaffung eines besonderen technischen Büros. Das Thematik der Forschungen war rein militärischer Art: Flugzeugbau, Schiffsbau, Munition und gepanzerter Stahl. Aus den Fachleuten dieser Zweige, die in den Gefängnissen saßen, wurden ganze Gruppen gebildet. Wenn sich eine Möglichkeit bot, war Berija bemüht, diese Menschen freizulassen. Zum Beispiel wurde für den Flugzeugkonstrukteur Polentum am 25. Mai 1940 das Urteil 15 Jahre Lagerhaft gefällt, und schon im Sommer wurde er nach der Amnestie in die Freiheit entlassen. Der Konstrukteur Petropawlowsk wurde am 25. Juli amnestiert und schon in Januar 1941 wurde er mit dem Stalinpreis ausgezeichnet. Eine große Gruppe von Herstellern technischer Kampfmittel wurde im Sommer 1941 entlassen und eine weitere kam 1943 frei, die übrig wurden in den Jahren 1944-1948 freigelassen.

Wenn man liest, was heute über Berija geschrieben wird, entsteht der Eindruck, daß er den ganzen Krieg lang „Feinde des Volkes“ fing. Na, klar! Er hatte ja sonst nichts anderes zu tun! Am 21. März 1941 wurde Berija Stellvertretender Vorsitzender des Rates der Volkskommissare7. Anfangs unterstützte er den Volkskommissar für Forst- Kohle, Erdölindustrie und Buntmetallurgie, bald kam noch die Eisenmetallurgie hinzu. Und seit Beginn des Krieges lasteten auf seinen Schultern auch immer wieder neue Bereiche der Landesverteidigung, da er in erster Linie nicht Tschekist und Parteiorganisator war, sondern vor allem ein hervorragender Organisator der Produktion. Gerade deshalb wurde ihm 1945 das Atomprojekt anvertraut, von dem die Existenz der Sowjetunion abhing.
Er wollte die Mörder Stalins bestrafen. Und dafür hat man ihn erschossen.

Zwei Führer

Bereits eine Woche nach Kriegsbeginn, am 30. Juni, war das außerordentliche Machtorgan, das Staatliche Komitee für Verteidigung (SKV) gegründet worden, in dessen Händen sich die ganze Machtfülle im Land konzentrierte. Natürlich war Stalin zum Vorsitzenden des Staatlichen Verteidigungskomitees bestimmt worden. Doch wer gehörte außer ihm dem Kabinett an? Diese Frage wird in den meisten Veröffentlichungen fein säuberlich umgangen. Und das aus einem sehr einfachen Grund: von den fünf Mitgliedern des SKV gibt es eine Person, die nicht erwähnt wird. In der „Kurzen Geschichte des Zweiten Weltkriegs“ (Ausgabe von 1985) ist im Namensregister am Ende des Buches, wo alle für den Sieg lebensnotwendigen Personen von Ovid bis Sándor Petőfi aufgeführt sind, ist ein Berija nicht genannt. Es gab ihn nicht, er kämpfte nicht, er nahm nicht teil. Es waren fünf Personen: Stalin, Molotow, Malenkow, Berija, Woroschilow. Und drei Bevollmächtigte: Wosnessenski, Mikojan, Kaganowitsch. Doch als der Krieg begann, wurden Korrekturen vorgenommen. Ab Februar 1942 übernahm Berija anstatt Wosnessenski die Kontrolle über die Rüstungs- und die Munitionsproduktion. Und zwar offiziell. (Tatsächlich hatte er sich aber damit schon im Sommer 1941 befaßt.) Im Winter desselben Jahre befand sich auch die Panzerproduktion in seinen Händen. Nicht wegen irgendwelcher Intrigen, sondern deshalb, weil er es besser im Griff hatte. Die Ergebnisse der Arbeit Berijas sind am besten aus den Zahlen ersichtlich. Als am 22. Juni die Deutschen 47.000 Werkzeuge und Granatwerfer gegen unsere 36.000 hatten, so waren diese Kennziffern schon zum 1. November 1942 gleich, und zum 1. Januar 1944 hatten wir 89.000 gegenüber 54.500 deutsche. Von 1942 bis 1944 brachte die UdSSR monatlich 2.000 Panzer heraus, und überholte Deutschland damit um ein Vielfaches.

Am 11. Mai 1944 wurde Berija zum Vorsitzenden des Operativbüros des Staatlichen Verteidigungskomitees und zu dessen Stellvertretendem Vorsitzenden ernannt, er war tatsächlich der zweite Mann nach Stalin im Land. Am 20. August 1945 übernahm er eine sehr komplizierte Aufgabe jener Zeit, die für die UdSSR eine Frage des Überlebens war – er wurde Vorsitzender der Sonderkommission für die Herstellung der Atombombe (und dort gab es noch ein Wunder: die erste sowjetische Atombombe, wurde – trotz aller Prognosen – konnte schon nach nur vier Jahren, am 20. August 1949, getestet werden).

Nicht ein einziger aus dem Politbüro, und überhaupt kein Mensch in der UdSSR, wäre damals imstande gewesen, nach der Wichtigkeit der zu entscheidenden Aufgaben und dem Umfang der Vollmachten, nahe an Berija heranzukommen, offenbar auch nicht einmal seiner Persönlichkeit nach. Eigentlich stand die Nachkriegs-UdSSR damals unter einem doppelten Stern: siebzigjährige Stalin und der junge, 1949 gerade mal fünfzigjährige Berija. Das Staatsoberhaupt und sein natürlicher Nachfolger.

Gerade diese Tatsache wurde von den chruschtschowistischen und nach-chruschtschowistischen Historikern so eifrig mit dem Mantel des Schweigens bedeckt und unter einem Berg von Lügen verborgen. Weil – wenn am 23. Juni 1953 der Innenminister getötet worden wäre, dann hätte es nach einem Machtkampf mit einem Putsch ausgesehen, doch wenn das Staatsoberhaupt umgelegt wird, dann ist er selber der Putschist…

Das Drehbuch Stalins

Wenn man die Informationen über Berija, von Ausgabe zu Ausgabe, bis hin zu ihrer Primärquelle verfolgt, so folgt fast alles aus den Erinnerungen Chruschtschows. Eines Menschen, dem man eigentlich nichts glauben darf, da der Vergleich seiner Erinnerungen mit anderen Quellen eine Unmenge falscher Informationen enthält.

Und wer hat da nicht alles „politologische“ Analysen der Situation des Winters 1952-1953 gemacht. Was wurden da nicht alles für Kombinationen erdachten, und was für Varianten wurden da nicht alles aufgeführt. Daß Berija sich mit Malenkow, oder mit Chruschtschow verbündet habe, oder daß er es allein getan habe… Doch gegen einen versündigen sich alle diese Analysen – in ihnen wird in der Regel die Figur Stalins völlig ausgeschlossen.

Stillschweigend wird angenommen, daß der Führer zu jener Zeit abgedankt habe, mehr oder weniger aus Altersschwäche. Und es gibt nur eine einzige Quelle dafür – Chruschtschows Erinnerungen.

Doch warum sollten wir dem glauben? Beispielsweise erinnerte sich der Sohn Berijas, Sergo, der Stalin 1952 fünfzehn Mal während der Sitzungen sah, als es um die Raketenausrüstungen ging, daß Stalin ganz und gar nicht von vermindertem Verstand gewesen ist… Die Nachkriegsperiode unserer Geschichte war nicht weniger themenreich als das Rußland seiner Gründerzeit. Was dann im Land geschah, weiß wahrscheinlich niemand so richtig. Es ist aber bekannt, daß Stalin sich nach 1949 etwas zurückgenommen hat, die ganzen „Alltagskram“ dem Selbstlauf überließ und Malenkow übertrug. Doch eines ist klar – es war etwas im Gange. Anhand von indirekten Daten kann man nur vermuten, daß Stalin irgendwelche sehr großen Reformen, in erster Linie ökonomischer Art, und später vielleicht auch politischer Art beabsichtigte. Und auch etwas anderes ist klar: Stalin war alt und krank, und er wußte sehr gut, an Mut hat es ihm nicht gefehlt, und er konnte nicht daran denken, was nach seinem Tod mit dem Staat wird und einen Nachfolger suchen. Wenn Berija jeder anderen beliebigen Nationalität gewesen wäre, hätte es keine Probleme gegeben. Aber ein Georgier nach dem anderem auf dem Thron des Imperiums! Darauf wäre selbst Stalin nicht eingegangen.

Es ist bekannt, daß sich Stalin in den Nachkriegsjahren langsam, aber Stück für Stück vom Kapitänsdeck zurückzog. Natürlich konnten sich die Funktionäre damit nicht abfinden. Im Oktober 1952, auf dem XIX. Parteitag der KPdSU, gab Stalin der Partei einen entscheidenden Anstoß – er bat, ihn von den Pflichten eines Generalsekretärs zu entbinden. Dem wurde nicht zugestimmt, man hat ihn nicht entlassen. Dann erdachte Stalin eine Kombination, die leicht nachzuvollziehen ist: Staatsoberhaupt wird eine wissentlich schwache Figur, und der reale Chef, die „graue Eminenz“, befindet sich formell in der zweiten Reihe. Und so geschah es auch: Nach dem Tod Stalins wurde der initiativlose Malenkow der Erste, und tatsächlich leitete Berija die Politik. Er führte nicht nur eine Amnestie durch, ihm muß man beispielsweise auch eine Verordnung zurechnen, die die gewaltsame Russifizierung Litauens und der Westukraine kritisiert. Auch schlug er eine schöne Lösung der „deutschen Frage“ vor – wenn Berija an der Macht geblieben wäre, dann hätte es die Berliner Mauer nicht gegeben. Gleichzeitig befaßte er sich mit der „Wieder-Normalisierung“ des NKWD und setzte eine Prozeß der Rehabilitierung in Gang, so daß es Chruschtschow und Konsorten später nur übrig geblieben wäre, auf den fahrenden Zug aufzuspringen und sich den Anschein zu geben, daß sie von Anfang an dort waren. Später behaupteten sie alle, daß sie angeblich mit Berija „nicht einverstanden“ gewesen seien und daß er sie „unterdrückt“ habe. Später haben sie vieles erzählt. Doch in Wirklichkeit hatten sie den Initiativen Berijas stets zugestimmt.
Doch dann geschah etwas.

Ruhig! Es ist ein Putsch!

Für 26. Juni war im Kreml eine Sitzung des Präsidiums des ZK oder des Präsidiums Ministerrats anberaumt. Nach der offiziellen Version, kamen Militärs angeführt von Marschall Shukow, die Mitglieder des Präsidiums riefen sie in das Kabinett und jene verhafteten Berija. Später brachten sie ihn in einen speziellen Bunker im Hof des Stabes der Truppen des SKV, machten ihm den Prozeß und erschossen ihn. Doch diese Version hält keiner Kritik stand. Warum? Darüber wurde viel erzählt, es gibt darin eine Menge falscher Erklärungen und Unstimmigkeiten…

Man kann nur eines feststellen: niemand von den nebensächlichen, uninteressierten Leuten hat Berija nach dem 26. Juni 1953 lebend gesehen. Zuletzt sah ihn sein Sohn Sergo am Morgen auf der Datsche. Nach seiner Erinnerungen war der Vater im Begriff, in die Stadtwohnung zu fahren, um sich von dort aus in den Kreml, auf die Sitzung des Präsidiums zu begeben. Gegen Mittag erhielt Sergo von seinem Freund, dem Flieger der Amet-Khan, einen Anruf, bei dem dieser ihm mitteilte, daß es am Hause Berijas eine Schießerei gegeben habe und der Vater vermutlich schon nicht mehr am Leben sei. Sergo ging zusammen mit dem Mitglied der Sonderkommission, Wannikow, dorthin, sah die zerschlagenen Fenster, die eingetretenen Türen und die Wand mit den Spuren der Geschosse eines großkalibrigen Maschinengewehrs.

Zu dieser Zeit hatten sich die Mitglieder des Präsidiums im Kreml versammelt. Und was geschah dort? Nachdem man sich durch die Lügen hindurch gemüht hat, um Stück für Stück die Geschehnisse zusammenzutragen, konnte man die Ereignisse in etwa rekonstruieren. Nachdem die Sache mit Berija beendet war, hatten sich die Vollstrecker dieser Operation – vermutlich Militärs aus der alten, ukrainischen Truppe Chruschtschows unter Moskalenko, die er nach Moskau beordert hatte – in den Kreml begeben. Gleichzeitig war noch eine weitere Gruppe von Militärs dorthin gekommen. Sie wurde angeführt von Marschall Shukow, zu ihr gehörte auch Oberst Breshnew. Interessant, nicht wahr? Weiter ging es vermutlich so. Unter den Putschisten waren mindestens zwei Mitglieder des Präsidiums – Chruschtschow und der Verteidigungsminister Bulganin (darauf verweisen die Erinnerungen Moskalenkos und andere). Sie stellten die übrigen Mitglieder der Regierung vor die Tatsache: Berija wurde ermordet, und man muß etwas machen. Die ganze Truppe saß damit notgedrungen in einem Boot und hatte den Ausgang der Sache zu verbergen. Doch interessanter ist noch etwas anderes: Warum wurde Berija getötet?

Am Abend zuvor war er von einer Zehntagereise nach Deutschland zurückgekehrt, hatte sich mit Malenkow getroffen und mit ihm die Tagesordnung der Sitzung vom 26. Juni besprochen. Alles war schön und gut. Wenn etwas geschehen war, so es sich nur in den letzten 24 Stunden zugetragen haben. Und am ehesten war es irgendwie mit der bevorstehenden Sitzung verbunden. Klar, es existiert die Tagesordnung noch, die im Archiv Malenkows erhalten blieb. Aber das ist freilich nur das Papier. Es wurden sind Informationen darüber erhalten geblieben, worum es in der Sitzung tatsächlich ging. Könnte man meinen… Doch es gab einen Menschen, der darüber etwas wissen konnte. Sergo Berija sagte in einem seiner Interviews, daß der Vater ihm am Morgen auf der Datsche mitgeteilt habe, daß er in der bevorstehenden Sitzung, vom Präsidium die Zustimmung für die Verhaftung des ehemaligen Ministers für Staatssicherheit Ignatjew zu fordern beabsichtige.

Und jetzt ist alles klar! So, daß klarer nicht sein kann. Es handelt sich darum, daß Ignatjew für den Schutz Stalins in seinem letzten Lebensjahr zuständig war. Gerade er war derjenige, der wußte, was in der Nacht zum 1. März 1953 auf Stalins Datsche geschehen war, als Stalin einen Schlaganfall hatte. Und dort war etwas geschehen, weswegen sogar Jahre danach die am Leben gebliebenen Wachleute plump und allzu offensichtlich ihre Lügen erzählen konnten. Und so hätte Berija, der dem sterbendem Stalin die Hand küßte, Ignatjew alle seine Geheimnisse entrissen. Und dann hätte er gegen ihn und seine Komplizen vor aller Welt einen politischen Prozess veranstaltet, was sie doch für eine Rolle gespielt hatten. Das war ganz sein Stil… Nein, und genau diese Komplizen konnten keinesfalls zulassen, daß Berija Ignatjew verhaftet. Doch wie hätte man ihn davon abhalten können? Es blieb nur, ihn zu ermorden – was dann auch geschah… Nun ja, und deshalb verheimlichten sie den Ausgang der Sache.

Auf Befehl des Verteidigungsministers Bulganin wurde eine grandiose „Panzer-Show“ veranstaltet (ebenso plump wie die, die 1991 wiederholt wurde). Die chruschtschowistischen Juristen unter Leitung des neuen Generalstaatsanwalts Rudenko (auch ein Abkömmling aus der Ukraine) inszenierten ein Gerichtsverfahren (solche Inszenierungen sind ja bis heute die Lieblingsbeschäftigung der Staatsanwaltschaften). Später wurde die Erinnerung an all das Gute, was Berija bewirkt hatte, sorgfältig ausgelöscht, und es wurden abgeschmackte Märchen über den blutigen Henker und den sexuellen Geisteskranken in Umlauf gesetzt. In Bezug auf solche „schwarzen PR-Maßnahmen“ war Chruschtschow talentiert. Scheinbar war dies auch sein einziges Talent.

Und ein sexuell Geisteskranker war er auch nicht!

Die Idee, Berija als sexuell Geisteskranken hinzustellen, war auf dem Plenum des ZK in Juli 1953 zum ersten Mal verlautbart worden. Der ZK-Sekretär Schatalin habe, wie er behauptete, im Amtszimmer Berijas eine Durchsuchung vorgenommen habe, angeblich im Safe „eine große Anzahl von Gegenständen eines unzüchtigen Mannes“ gefunden. Später trat ein Wachmann Berijas namens Sarkissow auf, der sich über dessen zahlreiche Beziehungen zu Frauen verbreitete. Natürlich hat das alles niemand überprüft, doch der Klatsch wurde in die Welt gesetzt und ging durch die Lande.

Und so schrieben die Ermittler ins „Urteil“: „Als Mensch verhielt er sich unmoralisch, Berija lebte mit zahlreichen Frauen zusammen…“. Darin ist auch eine Liste dieser Frauen enthalten. Die Sache hat nur einen Haken: sie stimmt praktisch völlig mit der Liste jener Frauen überein, weswegen inhaftierte Leiter von Stalins Personenschutz, General Wlassik, im Jahr zuvor angeklagt worden war. Keine Frage, daß sich Berija nicht so verhalten hat. Solche Möglichkeiten gab es, doch die Weiber fielen ausschließlich Wlassik zu! Es war – ohne Witz – das einfachste vom einfachen: man hat die Liste aus der Sache Wlassik abgeschrieben der „Sache Berija“ hinzugefügt. Hat das irgendwer überprüft?

Erst viele Jahre später machte Nina Berija in einem ihrer Interviews die sehr einfache Bemerkung: „Das ist schon erstaunlich: Lawrenti war Tag und Nacht mit Arbeit beschäftigt, wie soll er denn mit Legionen von diesen Frauen etwas gehabt haben!“ Durch die Straßen fahren, sie in Vorstadtvillen einzuladen, und dann noch nach Hause zu sich, wo seine georgische Frau und der Sohn mit seiner Familie lebten. Im übrigen – wenn es darum geht, einen gefährlichen Feind anzuschwärzen, wen interessiert es dann, was in Wirklichkeit war?

Jelena Prudnikowa
(Übersetzung: Florian Geißler)

Anmerkungen:
[1] Lawrénti Páwlowitsch Bérija (russ. Лавре́нтий Па́влович Бе́рия; georgisch ლავრენტი პავლეს ძე ბერია) 17.[29.] März 1899 – 23. Dezember 1953; wurde nach einem Staatsputsch von den Mördern Stalin hingerichtet.
[2] OGPU – Vereinigte Staatliche Politische Einrichtung im Kampf gegen Konterrevolution und Sabotage (1923-1934)
[3] NKWD/NKGB – Volkskommissariat für innere Angelegenheiten/Volkskommissariat für Staatssicherheit (1934-1943)
[4] WtscheK-OGPU – Gesamtrussische außerordentliche Kommission/Vereinigte Staatliche Politische Einrichtung im Kampf gegen Konterrevolution und Sabotage (1923-1934); danach: NKWD
[5] eine Alliteration (gleichklingende Anfangsbuchstaben) von бить — пить, schlagen – trinken.
[6] Im Jahre 1939 entwickelte Berija die Idee einer geschlossenen Forschungseinrichtung für militärische Zwecke («шарашка»), in der wegen (angeblicher) konterrevolutionärer Aktivitäten verhaftete Wissenschaftler arbeiteten, darunter auch Tupolew, Koroljow und Polikarpow. Sie leisteten einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der sowjetischen Flugzeug- und Raketentechnik. Viele von ihnen wurden mit hohen staatlichen Auszeichnungen geehrt.
[7] Das ist so etwas wie ein stellvertretender Ministerpräsident.

Mit Dank übernommen von Kommunisten.-Online.

Advertisements